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Geschäftsfinanzierung mittels ICO?

Abseits des regulierten Finanzmarktes hat sich in kurzer Zeit ein neues Finanzierungsmodell entwickelt: das sogenannte Initial Coin Offering (ICO). Was ist das «rein digitale Crowdfunding» und wie funktioniert es? Digital-Banking-Experte Andreas Dietrich gibt Auskunft.

Um Kapital zu generieren, verkaufen manche Unternehmen neuerdings nicht mehr Firmenanteile an der Börse, sondern sogenannte Tokens, eine Art Gutschrift in einer Kryptowährung. Die noch unkonventionelle Finanzierungsmethode für Start-ups scheint vielversprechend zu sein, schliesslich gibt es bereits schwindelerregende Beispiele von ICO-Finanzierungen.

35 Millionen Dollar in 30 Sekunden

Das Unternehmen Brave Software soll etwa mit dem Verkauf von Tokens innerhalb von nur 30 Sekunden 35 Millionen Dollar verdient haben. Finanziert wird damit der Internet-Browser Brave. Die Schweiz ist sehr aktiv im ICO-Bereich. Vier der sechs grössten ICOs fanden in der Schweiz statt, darunter auch die Rekord-Finanzierung des US-amerikanischen Unternehmens Tezos: Über eine eigens dafür gegründete Schweizer Stiftung konnte das Unternehmen innerhalb von zwei Wochen rund 230 Millionen Dollar aufnehmen.

Doch im unregulierten Umfeld von ICO besteht ein grosser Handlungsspielraum für Betrüger. Welche Risiken bestehen einerseits für Start-ups und andererseits für Investoren? Und wie finanziert man überhaupt ein Unternehmen mittels ICO? Andreas Dietrich gibt im Interview Auskunft. Der Dozent und Co-Leiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ und an der Hochschule Luzern ist Spezialist für Retail Banking und Digital Banking.

Ist ICO eine gute Möglichkeit, um in der Schweiz ein Unternehmen zu finanzieren?

Grundsätzlich schon, aber es eignet sich im Moment vor allem für Start-ups, die im Bereich der Blockchain-Technologie tätig sind und eine Finanzierungshilfe benötigen. Eine Finanzierung für andere Unternehmen sehe ich weniger. Der Bäcker um die Ecke wird wohl auch mittelfristig sein Kapital nicht via ICO aufnehmen.

Gibt es denn bereits Schweizer Unternehmen, die sich auf diese Weise finanziert haben?

Ja, es sind aber erst ein paar wenige wie beispielsweise die Unternehmen Lykke, Melonport oder Modum. Hingegen haben sich bereits viele ausländische Firmen in der Schweiz über ein ICO finanziert. Bisher wurden hierzulande rund 600 Millionen Dollar mit ICOs generiert. Davon profitieren insbesondere auch Anwaltskanzleien, die sich auf diesen Bereich fokussiert haben.

Wo liegen die Risiken für Anleger solcher ICOs?

Die grössten Risiken bestehen auf der Security-Seite. Es kann vorkommen, dass Kryptowährungen gestohlen werden. Investoren sollten zudem beachten, dass die Tokens häufig illiquide sind und einer grossen Volatilität unterliegen können. Die Tokens stellen also entsprechend Hochrisiko-Investments dar.

Wie sieht es mit den Risiken für die Unternehmen aus, die sich auf diese Weise finanzieren wollen?

Hier sind es vor allem rechtliche Risiken. Unklar ist, was geschieht, wenn etwa eine Investition im Nachhinein verboten wird oder ein Geschäft rechtlich nicht korrekt abgewickelt wird. Vor allem in Bezug auf das Thema Geldwäscherei scheinen gewisse Gefahren zu lauern.

Also sollte man die Finger von ICO lassen?

Volkswirtschaftlich und politisch finde ich es begrüssenswert, dass wir in der Schweiz im ICO-Bereich, ja im ganzen Blockchain- und Kryptowährungsbereich sehr aktiv sind. Für eine zukunftsweisende Finanzplatzstrategie ist das sinnvoll. Andererseits sollte man sicherstellen, dass der Markt hierzulande reguliert wird und die Spielregeln klar sind. Die Herausforderung dürfte sein, dass man eine Regulierung entwickelt, die Geschäfte im Graubereich verhindert, aber gleichzeitig die Marktentwicklung nicht bremst. Die Regulierung soll also vor allem dafür sorgen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Wie muss ein Start-up vorgehen, wenn es einen ICO durchführen will?

Zuerst sollte man die juristischen Rahmenbedingungen klären. Weil diese Art der Finanzierung noch in einem eigentlichen Graubereich liegt, ist es besonders wichtig, dass die juristische Strukturierung korrekt angelegt ist, also dass man die einzelnen Schritte innerhalb der gesetzlichen Vorgaben plant. Danach kommt die technische Seite. Man muss die sogenannten Smart Contracts und die Tokens definieren. Das heisst: Wie und unter welchen Umständen können die Gegenleistungen eingelöst werden, die mit den Tokens erworben werden? In einem weiteren Schritt folgt das Marketing. Es geht darum, Investoren zu finden und das Projekt möglichst vielen Leuten auf der ganzen Welt bekannt zu machen und zu erreichen, dass diese ihr Geld dafür geben.

Basieren neue ICO-Projekte auf bestehenden Blockchains oder macht da jeder seine eigene?

Beides ist möglich. Viele ICOs sind angehängt an bestehende Ökosysteme wie zum Beispiel Ethereum. In diesem Fall definiert man einen neuen Use Case, mit dem man eine gewisse Leistung anbietet. Es werden aber auch eigens dafür neue Kryptowährungen erstellt, die zum Fliegen kommen sollen.

Was ist ICO?

Die Bezeichnung ICO (Initial Coin Offering) ist angelehnt an den Begriff IPO (Initial Public Offering), mit dem im Englischen ein Börsengang eines Unternehmens bezeichnet wird. Der Unterschied: Während man mit einem Aktienkauf direkte Anteile an einem Unternehmen kauft, erwirbt man bei einem ICO sogenannte Tokens, also «Münzen» einer neu gegründeten digitalen Kryptowährung. Im Gegensatz zu einem Börsengang, der staatlich streng reguliert ist, gibt es bei ICOs (noch) keine Regulierung oder eine staatliche Aufsicht.