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Digitale Helfer im Handwerk

Datenbasiert entscheiden

Digitale Helfer im Handwerk

Unterbrochene Lieferketten, hohe Energiepreise, intensiver Fachkräftemangel: Die Traditionsbranche Handwerk steht vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen. Die Digitalisierung ist dabei für viele Betriebe auch noch eine weitere – wobei immer mehr Unternehmen die Werkzeuge der Digitalisierung als Zukunftssicherung nutzen und erleben.

Wer in den letzten Jahren Studien über den Digitalisierungsfortschritt in Deutschland verfolgt hat, fand Handwerk und das Baugewerbe als konstantes Schlusslicht in der Digitalisierung – weit abgeschlagen hinter Branchen wie Finanzen, die dank Trends wie Online-Banking schon früh einen Innovationsdruck folgten. Doch auch letztes Jahr sorgte die Pandemie und verschiedene Folgeentwicklungen wieder für den nötigen Schub, der sich jetzt, laut einer Studie vom Bitkom-Verband, deutlich abzeichnet: Schon zwei Drittel (68 Prozent) aller Handwerksbetriebe in Deutschland arbeiten heute mit digitalen Technologien und Anwendungen. Mit 53 Prozent waren es vor zwei Jahren noch deutlich weniger – und in den Jahren zuvor herrschte hauptsächlich Stagnation und Abwarten.

Zeitersparnis, Entlastung und Existenzsicherung

Neben diesen Zahlen sticht aber vor allem ein Ergebnis der Studie heraus: Über die Hälfte, rund 55 Prozent, der Handwerkerinnen und Handwerker sagen, die Digitalisierung sichere die Existenz des Betriebes. Digitalisierung wird in diesem traditionellen Umfeld zwar von vielen immer noch als weitere Herausforderung gesehen, aber die Betriebe, die es ausprobiert haben, sehen die Digitalisierung nicht mehr als Risiko, sondern erkennen die wahre Natur der Transformation: Zukunftssicherung. „Die Digitalisierung ist im Handwerk in den vergangenen zwei Jahren deutlich vorangeschritten. Auch in Zeiten voller Auftragsbücher können digitale Tools und Anwendungen kleine wie große Unternehmen effektiv unterstützen und sie für die Zukunft stark machen,“ kommentiert Bitkom-Geschäftsleiter Niklas Veltkamp.

Eigentlich ist dieses Fazit der Befragten nicht verwunderlich, denn die Nutzung digitaler Technologien und Anwendungen wirkt sich laut der Studie positiv und direkt auf die tägliche Arbeit der Handwerksbetriebe aus: 83 Prozent sehen als größten Vorteil Zeitersparnis, 78 Prozent eine optimierte Lagerung und Logistik und 73 Prozent eine flexiblere Arbeitsorganisation. Eine höhere Sichtbarkeit bei der Kundschaft (71 Prozent) sowie körperliche Entlastung (60 Prozent) spielen ebenfalls eine große Rolle.

Einstieg in die Digitalisierung – was hält die Handwerksbetriebe zurück?

Bei den Befragten wurden die Investitionskosten, Sorgen und Anforderungen rund um Datensicherheit als die immer noch größten Hürden für den Einstieg und Umsetzung genannt. Die unzureichende Versorgung mit Internet, könnte sich durch die Pläne der Bundesregierung in Sachen Glasfaserausbau und das verstärkte Engagement der Anbieter hoffentlich in den nächsten Jahren bessern – zumindest in den Ballungsgebieten.

Anwendungsmöglichkeiten von der Cloud bis zum Roboter

Mit 5,5 Millionen Beschäftigten, laut ZDH (Zentralverband des deutschen Handwerks), ist das Handwerk der vielseitigste Wirtschaftsbereich Deutschlands. Entsprechend vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten digitaler Technik – hier einige Beispiele:

1. Cloud Computing, Software und Datenanalyse verhindern Ausfälle

Cloud Computing und Daten spielen auch im Handwerk eine zentrale Rolle, wenn es um Digitalisierung geht. Jedes Siebte Unternehmen (15 Prozent) hat zum Beispiel Trackingsysteme im Einsatz. Damit lassen sich Maschinen und Betriebsmittel nachverfolgen, etwa wie lange ein Teil in einer Maschine schon läuft, wann die Wartung fällig ist und von welchem Hersteller es stammt. Das erspart Ausfallzeiten und Probleme im Betrieb – zum Beispiel wenn das Teil defekt ist, aber erst in zwei Wochen nachgeliefert werden kann.

Entsprechend viele Betriebe (14 Prozent) verwenden vorrausschauende Wartung, bei der mit Sensoren und Datenanalyse drohende Ausfälle von Anlagen oder Fahrzeugen frühzeitig erkannt werden.

Der Industrie- und Automobilzulieferer Schaeffler bietet zum Beispiel eine automatisierte Wälzlagerdiagnose an, die in Förderbändern, Pressen und Walzen eines Stahlwerks zum Einsatz kommen kann. Ausfälle im Bahnbereich soll eine Überwachungslösung von mechanischen Antriebssträngen verhindern und so für mehr Effizienz im Schienensektor sorgen. Mit dem System können per einfachem Strichcode Teile beim Einbau in Fahrzeuge registriert und bei der Durchfahrt ihr Zustand automatisch inspiziert werden. So werden Ausfälle und liegengebliebene Schienenfahrzeuge verhindert.

Smarte Software kann im Handwerk zudem helfen, Arbeitszeiten passend zum Projektstatus einzuteilen. Gute Planung der Mitarbeiterkapazitäten ist im Zeitalter des Fachkräftemangels ein wichtiger Faktor, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

2. Digitale Kommunikation verbessert Kundenbeziehungen

In der Pandemie waren Lösungen und digitale Tools für die Kommunikation mit Kunden, Mitarbeitern und Partnern enorm wichtig, damit der Betrieb weitergehen kann. Zoom, Skype, MS Teams oder Slack sind im Handwerk ebenfalls im Kommen. Messenger-Dienste wie WhatsApp, Signal oder Telegram werden schon von 91 Prozent für die interne Kommunikation genutzt.

Gleichzeitig sind auch in dieser Branche die Kunden anspruchsvoller geworden und erwarten zum Beispiel ständige Erreichbarkeit, rasche Rückmeldung auf Terminabsprachen und schnelle Lieferung. Präsenz von Handwerksbetrieben auf Social Media oder Plattformen wie Myhammer.de werden ebenfalls erwartet. Somit ist die Digitalisierung für das Handwerk Lösung und Herausforderung zugleich. „Ein Grund mehr, sich aktiv mit dem Thema und dessen Einsatzmöglichkeiten im eigenen Betrieb auseinander zu setzen.“, sagt ZDH-Geschäftsführer Karl-Sebastian Schulte (Zentralverband des deutschen Handwerks, zdh.de).

3. Drohnen, IoT und Roboter sind im Kommen, KI noch Zukunft

Interessant ist, dass Technologie bei fast jedem zehnten Handwerksunternehmen schon in Form von Drohnen im Einsatz ist. Die kleinen Fluggeräte sind vor allem im Baugewerbe gern gesehene Helfer. Sie eröffnen zum Beispiel bei der Baudokumentation einen großen Mehrwert, weil sie Daten aus allen erdenklichen Winkeln eines Bauprojekts liefern – wie Fotos aus der Vogelperspektive. Mit dem Verfahren BIM (Building Information Modeling) lassen sich 3D-Modelle einer Baustelle erzeugen. Damit können Organisations- und Abnahmeprozesse kosteneffizient in das Digitale übertragen werden. Mitarbeiter sparen Zeit und Reisekosten.

Außer den Drohnen, nutzen Betriebe das Internet der Dinge, das die Geräte und Anlagen zu einer smart Factory vernetzt. Roboter, Virtual und Augmented Reality sind aber derzeit im einstelligen Prozentbereich noch kaum verbreitet. Und die vieldiskutierte Künstliche Intelligenz spielt im Handwerk noch so gut wie keine Rolle.

Drei Viertel sehen die Digitalisierung als Chance

Das Handwerk – einst Skeptiker und Nachzügler – zeigt eindrucksvoll einen Effekt, der sich fast immer bei der Digitalisierung beobachten lässt: Wer die Technologie einmal ausprobiert hat, will die Erleichterung und weitere positive Effekte nicht mehr missen. Heute sehen 77 Prozent die Digitalisierung als Chance, nur noch geringe 8 Prozent als Risiko. Über ein Drittel der Betriebe geben nicht nur an, die Digitalisierung als „Chance“ zu begreifen, es gibt sogar Belege für die Wirksamkeit: Etwa, dass sie neue Produkte und Dienstleistungen digital anbieten oder sich ihr Geschäftsmodell verändert hat – mit positiven Effekten in allen Bereichen.