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Heimliche Chefin oder Unternehmensretterin? Erfolgreiche Frauen in der Unternehmensnachfolge

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Unternehmensnachfolge Heimliche Chefin oder Unternehmensretterin

Das Führungsverständnis erscheint zuweilen so alt wie die Unternehmen selbst – wir schreiben das Jahr 2020 und nur knapp 7 Prozent der Mitglieder in den Geschäftsführungen sind Frauen

So lautet der zentrale Satz im aktuellen Bericht der Allbright-Stiftung – Die deutschen Familienunternehmen: traditionsreich und frauenarm. Im Vergleich zu den 160 an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen, wo der Frauenanteil bei 10 Prozent liegt oder zu den 30 DAX-Unternehmen mit 15 Prozent schneiden Familienunternehmen also sehr viel schlechter ab. Den niedrigsten Wert verzeichnen Unternehmen, die sich zu 100 Prozent in Familienbesitz befinden: Hier liegt der Frauenanteil in den Geschäftsführungen bei knapp unter 5 Prozent.

Dabei wollen junge Frauen in Familienunternehmen sehr wohl Führungsverantwortung übernehmen, wie 2018 eine Untersuchung der Stiftung Familienunternehmen gezeigt hat. Nach den fünf spannenden Unternehmensnachfolge-Geschichten stellen wir Ihnen drei Geschichten von erfolgreichen Unternehmerinnen aus Vergangenheit und Gegenwart vor, um Frauen Mut zur Nachfolge und zum Unternehmertum zu machen. Wir empfehlen die Lektüre natürlich auch Geschäftsinhabern auf Nachfolger(-innen)suche.

1. Irene Kärcher – vom Mittelständler zum Weltkonzern

Irene Kärcher heiratete den Unternehmer Alfred Kärcher im Jahr 1949 und engagierte sich seitdem als „Mädchen für alles“ im Familienunternehmen. Nach dem frühen Tod ihres Ehemanns nahm sie 1959 die Herausforderung an, einen mittelständischen Betrieb mit damals 250 Mitarbeitern zu übernehmen und zu leiten. Sie wollte das Lebenswerk ihres Mannes für ihre damals noch minderjährigen Kinder, aber auch für die Belegschaft erhalten.

Weibliche Unternehmenskultur geprägt von Fürsorge und Kompetenz

Irene Kärcher führte eine von Achtung und Fürsorge geprägte Unternehmenskultur ein – zu einer Zeit, in der eine solche noch völlig unüblich war. Mit Menschenkenntnis und offenem und wertschätzendem Umgangston gelang es ihr, die Mitarbeiter stets zu besonderen Leistungen zu motivieren. Bereits innerhalb des ersten Jahres nach der Übernahme konnte sie so eine Umsatzsteigerung von 70 Prozent erreichen. Wachstum sollte ihre Unternehmensführung in den folgenden dreißig Jahren kennzeichnen. Schon zu Beginn der 60er Jahre gründete sie erste Auslandsgesellschaften und 1975 das erste Produktionswerk außerhalb Deutschlands, in Brasilien. Zehn Jahre später hatte Kärcher bereits 16 Vertriebsgesellschaften, unter anderem in Nordamerika, Afrika und Australien.

Inzwischen steht der Firmenname für die Tätigkeit: kärchern!

Während der Jahre, in der sie die Unternehmensführung wegen ihrer Kinder an einen Bevollmächtigten abgab, geriet das Unternehmen in eine solche Schieflage, dass Irene Kärcher sich erneut gegen die Familie und für die Firma entschied. Sie brachte die Firma nicht nur zurück an die Weltspitze, sondern richtete Kärcher strategisch auf das Kerngeschäft Reinigung aus. Speziell auf das expandierende Geschäftsfeld Hochdruckreinigung für den Hausgebrauch. Damit ist das Unternehmen heute Weltmarktführer.

Als erste Frau in der „Hall of Fame der Familienunternehmen“

Irene Kärcher führte das Unternehmen bis zu ihrem plötzlichen Tod 1989 und hinterließ statt einer mittelständischen Firma mit 250 Angestellten ein weltweit agierendes Unternehmen mit mehr als 3.200 Mitarbeiter in 20 Gesellschaften. Dreißig Jahre später setzte Kärcher mit 13.500 Mitarbeitern 2.6 Mrd. Euro um. Eine Erfolgsgeschichte, die Irene Kärcher nicht nur dreißig Jahre mitgeschrieben hat, sondern deren Grundlagen sie ganz wesentlich mit ihren strategischen Entscheidungen schuf. Das Handelsblatt nahm sie deshalb 2009 als erste Frau posthum in die „Hall of Fame der Familienunternehmen“ auf.

2. Annemarie Lindner – Charismatische Pionierin der Naturkosmetik

Annemarie Lindner gründete die Börlind GmbH mit ihrer Marke „ANNEMARIE BÖRLIND Natur-Hautpflege“ 1959 gemeinsam mit ihrem Mann und dem Geschäftspartner Hermann Börner. Der Name des Familienunternehmens wurde damals aus den Familiennamen Börner und Lindner gebildet. Annemarie Lindners Entscheidung, Kosmetikerin zu werden und eigene Pflegeprodukte herzustellen, war anfänglich eine sehr persönliche: Sie litt unter Hautproblemen und erfuhr die heilende Wirkung von Kräutern am eigenen Körper. Gleich nach der Ausbildung gründete sie ihren eigenen Kosmetiksalon und entwickelte, damals noch in der DDR lebend, sehr erfolgreiche natürliche Pflegeprodukte. Da in der sozialistischen Planwirtschaft der DDR privates Unternehmertum nicht erwünscht war – auch ihr Ehemann Walter war selbstständiger Unternehmer -, wurde das Ehepaar zweimal enteignet und hatte mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Als eine neue Enteignung drohte, flohen beide 1958 in den Westen und beschlossen dort neu anzufangen.

Durch Innovation und Vision ihrer Zeit voraus

Bereits sechs Jahre nach der Gründung erhielt ihre Firma für die neu entwickelten Systempflegeprodukte das damals begehrte neuform-Siegel. Seitdem konnte Börlind die Produkte in Reformhäusern verkaufen. Gleichzeitig ließ man sich das Lindenblatt als Markenzeichen des Unternehmens schützen.

„Was ich nicht essen kann, gebe ich nicht auf meine Haut”, ist der wohl bekannteste Ausspruch von Annemarie Lindner. Mit diesem Qualitätsanspruch stellte sie viele Jahrzehnte wirksame Naturkosmetik her und war damit in den ersten Jahrzehnten ihrer Zeit weit voraus.

Ihre Geschichte ist die einer Unternehmerin mit einer großen Leidenschaft für die Naturkosmetik und einer ständigen Suche nach neuen Produkten aus dem unerschöpflichen Reservoir der Natur.

Unternehmen bleibt in der Familie

Annemarie Lindner ging 1985 offiziell in den Ruhestand und übergab die Geschäftsführung ihrem Sohn. Ihrem Unternehmen stand sie jedoch noch lange Zeit als Beraterin bei, vor allem bei Produktentwicklungen. Inzwischen ist die dritte Generation in die Firma eingetreten und neben Nicolas Lindner ist wieder ein weibliches Familienmitglied leitend tätig: seine Schwester Alicia Lindner hat seit 2015 die Leitung des nationalen und internationalen Vertriebs übernommen.

 

3. Anita Freitag-Meyer – Waffeln, ein Keksblog und Social Media

In der über siebzigjährigen Geschichte der Verdener Keks- und Waffelfabrik Hans Freitag gab es bisher zwei Nachfolgerinnen. Die erste war Anita Freitag (1921–1989). Ihr Ehemann Hans Freitag hatte 1946 eine Bäckerei und Konditorei gegründet, aus denen innerhalb weniger Jahre eine mittelständische Fabrik für Waffeln und Kekse wurde. Nach seinem Tod 1960 führte Anita Freitag die Fabrik dreizehn Jahre weiter, bis der gemeinsame Sohn die Führung übernehmen konnte. Schon im Vorfeld war sie an allen Prozessen innerhalb des Familienunternehmens beteiligt und hatte sich als Ehefrau des Gründers um die innerbetrieblichen Finanzen gekümmert.

„Hätte es die Großmutter nicht gegeben, würde das Unternehmen heute nicht existieren“

Das sagt die derzeitige Inhaberin Anita Freitag-Meyer, die ihre Großmutter deshalb immer als ein Vorbild angesehen hat. Sie selbst wuchs als älteste von drei Schwestern mit dem Familienunternehmen und der Idee der Nachfolge auf. Nach dem Abitur ging sie kurzzeitig eigene Wege und wollte Journalistin werden – merkte jedoch schnell, dass das Unternehmer-Gen in ihr steckt. 1990 begann sie eine Lehre zur Industriekauffrau im väterlichen Betrieb.

Erfolg durch frühe Einbindung in die Unternehmensleitung

Vom Vater wurde sie vom ersten Tag in der Firma als Nachfolgerin unterstützt. Nach Abschluss ihrer Ausbildung überschrieb er ihr nicht nur zehn Prozent der Firma, sondern machte sie zur gleichberechtigten Geschäftsführerin. Solche konsequenten und frühzeitig geplanten Unternehmensnachfolgen sind immer noch eher selten. Denn viele Geschäftsinhaber tun sich schwer damit, ihr Lebenswerk aus der Hand zu geben.

Vater und Tochter arbeiteten 16 Jahre gleichberechtigt zusammen, bevor die Tochter 2006 die alleinige Geschäftsführung übernahm. Der Vater bezog sie von Anfang an in alle Abläufe und Entscheidungen ein, ließ ihr aber viele Freiheiten, eigene Wege zu gehen. So konnte sie ihren persönlichen Führungsstil ausbilden, der von Offenheit und Transparenz geprägt ist. Diese Offenheit praktiziert die Unternehmerin auch in ihrer Kommunikation nach außen und in verschiedenen sozialen Netzwerken. Ihr „Keks-Blog“ ist inzwischen ein gern genanntes Beispiel für einen erfolgreichen Corporate Blog und wurde schon 2012 mit dem Preis für Onlinekommunikation ausgezeichnet.

Urgroßmutter, Großmutter und Mutter im Unternehmen haben mit Sicherheit auf die vierte Generation abgefärbt: In Kürze starten Tochter Anna Meyer und ihr Bruder Max im Familienunternehmen.

Früher wie heute sind Frauen erfolgreiche Nachfolgerinnen

Manchmal mussten die Unternehmerinnen nach dem frühen Tod ihrer Ehepartner, die das Unternehmen gegründet und geführt hatten, die Nachfolge unverhofft antreten. Der Sprung ins kalte Wasser machte aus Unternehmerwitwen Unternehmensretterinnen, die das Familienerbe bewahren und in die Zukunft führen konnten. Andere bauten ihr Unternehmen von der Pike auf und führten es innovativ und erfolgreich viele Jahrzehnte. Doch nicht nur in der Vergangenheit lassen sich Beispiele erfolgreicher Unternehmerinnen finden. Was alle gemeinsam haben: zum unternehmerischen Erfolg kommt eine gelungene und harmonische Nachfolgegeschichte dazu.