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Industrie 4.0: Hängt sich Deutschland selber ab?

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Industrie 4.0: Hängt sich Deutschland selber ab?

Das Industrieklassentreffen, die Hannovermesse, zeigt eins ganz deutlich: In Hinblick auf Industrie 4.0 gibt es Handlungsbedarf, wie auch Bild-Netwelt-Blogger Nico Lumma feststellt. Und es tut sich etwas. Auf der diesjährigen Cebit haben Forschungsministerin Johanna Wanka und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel die Plattform Industrie 4.0 gestartet. Damit soll die „erfolgreiche Arbeit“ der bisherigen Verbändeplattform des VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau), ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie) und des IuK-Branchenverbands Bitkom auf eine breitere politische und gesellschaftliche Basis gestellt werden, so die beiden Minister zur Begründung.

Außerdem werde die Plattform thematisch und strukturell neu ausgerichtet. Eine „folgerichtige und gute Entwicklung“, sagt der Bitkom. Die Verbände hätten das Thema bis zu einem gewissen Punkt erfolgreich vorangetrieben. Doch: „Jetzt ist Industrie 4.0 nicht mehr nur ein wirtschaftliches Thema, sondern ein gesamtgesellschaftlich relevantes.“

Deutschland muss am Ball bleiben

Deutschlands Mittelstand ist geprägt von der Industrie. Industrie 4.0 ist jedoch häufig noch nicht im Fokus. Quelle: Sage

Deutschlands Mittelstand ist geprägt von der Industrie. Industrie 4.0 ist jedoch häufig noch nicht im Fokus. Quelle: Sage

Und ein brisantes dazu: In den vergangenen Monaten mehrten sich die Stimmen, die Deutschland bei Industrie 4.0 und Digitalisierung den Anschluss verlieren sehen. Die renommierte Technologievereinigung Münchner Kreis spricht im Rahmen ihrer aktuellen Zukunftsstudie von Fachleuten, die einige Missstände und zahlreiche Schwachstellen der deutschen Wirtschaft erkannt haben, „hinsichtlich ihrer Fähigkeit, den Herausforderungen, die das digitale Zeitalter mit sich bringt, zu begegnen.“ Und: „In Amerika und Asien werden (digitale) Innovationsstrategien derzeit im Vergleich zu Europa beziehungsweise zu Deutschland häufiger, schneller und erfolgreicher umgesetzt.“

Deutlichere Worte fand Horst Westerfeld, ehemals CIO des Landes Hessen, auf der Softwareentwicklungskonferenz OOP in München. Laut der Online-Ausgabe des Fachmagazins „Elektronik Praxis“ beklagte der Wirtschaftsinformatiker Westerfeld, dass bei Industrie 4.0 die Amerikaner wieder einmal schneller gewesen seien. So habe General Electric im vergangenen Jahr zusammen mit einigen weiteren US-Unternehmen das Industrial Internet Consortium (IIC) gegründet. Dieses solle Interoperabilitätsstandards für das Internet der Dinge im Industriebereich erarbeiten. „Wer die Schnittstellen bestimmt, der bestimmt das Spiel“, so Westerfeld laut „Elektronik Praxis“.

Dagegen will der VDMA von einem Zurückfallen Deutschlands im internationalen Vergleich nichts wissen. „[etweet]Der Begriff Industrie 4.0 wurde in Deutschland geprägt [/etweet]und wird hier mit viel Know-how aus Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotechnik und Informationstechnologie mit Leben gefüllt“, betont Verbandssprecher Frank Brückner. „Wir sind in einer starken Position und die sollten wir für den weiteren Weg nutzen.“

Sorgenkind Mittelstand

Bosch-Chef Dr. Volkmar Denner sieht große Chancen in der Industrie 4.0. Quelle: Bosch

Bosch-Chef Dr. Volkmar Denner sieht große Chancen in der Industrie 4.0. Quelle: Bosch

Dem IIC gehören jedoch nicht nur US-amerikanische Firmen an. Auch deutsche Technologieunternehmen wie Infineon Technologies und Siemens sind mit dabei. Ebenso der Technikkonzern Bosch. Dessen Chef Volkmar Denner sieht in Industrie 4.0 eine historische Chance für den Industriestandort Deutschland, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. „Diese Chance wird aber vertan, wenn die deutschen Unternehmen bei der Umsetzung zu langsam sind“, mahnt Denner. „Deutschland muss jetzt schnell die Voraussetzungen für die vernetzte Industrie schaffen, sonst verspielen wir im Wettbewerb mit anderen Regionen unsere eigentlich vorhandenen Stärken und Vorteile.“

Zu diesen Stärken des Standorts Deutschland zählt zweifellos der Mittelstand. Allerdings ist häufig zu hören und zu lesen, dass gerade der Mittelstand mit Industrie 4.0 nicht klar komme: Kleine und mittlere Unternehmen begegneten der Cloud-Nutzung und der umfassenden Vernetzung eher mit Skepsis als mit Offenheit.

„Beim Thema Cloud-Nutzung stellt sich für viele Unternehmen die Frage nach der Datensicherheit“, so VDMA-Sprecher Brückner. „Diese Frage muss beantwortet werden und zugleich muss die Praxis die Vorteile der Cloud-Technologie aufzeigen. Dann wird die Akzeptanz und Nutzung sicherlich zunehmen.“ Digitalisierung und Industrie 4.0 gelängen nur dann, wenn man es schaffe, den industriellen Mittelstand einzubinden und ihn zum Treiber und Nutznießer dieser Entwicklung zu machen.

Der Bitkom fordert die kleinen und mittleren Unternehmen dazu auf sich klarzumachen, dass sie ohne Industrie 4.0 in den meisten Fällen mittelfristig nicht konkurrenzfähig seien. „Hier muss aus unserer Sicht noch einiges getan werden, um das Bewusstsein für die Bedeutung des Themas und das Wissen in den Betrieben zu erhöhen.“

Auch die Politik muss handeln – jetzt

Hans-Thomas hengl ist IT-Journalist und Gast-Blogger im Sage Mittelstandsblog. Quelle: Hengl

Hans-Thomas Hengl ist IT-Journalist und Gast-Blogger im Sage Mittelstandsblog. Quelle: Hengl

Was, darüber hat der Bitkom klare Vorstellungen und diese in politische Handlungsempfehlungen gepackt. Dazu gehört auch die bessere Förderung des Mittelstands bei Investitionen zur Digitalisierung. Baustellen sieht der Bitkom beim Breitbandausbau, außerdem fehle ein moderner und international anschlussfähiger Ordnungsrahmen. Weitere Stichworte: Datensicherheit und Datenschutz, Ausbildung geeigneter Fachkräfte sowie Förderung von Leuchtturmprojekten und Start-ups, die an innovativen Konzepten im Kontext von Industrie 4.0 arbeiten. Außerdem müssten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, damit deutsche Unternehmen Vertreter in internationale Normungsgremien entsenden können.

Das sind zweifellos wichtige und richtige Schritte. Aber reicht das aus? Die Voraussetzung dafür, dass diese Maßnahmen Deutschland in die internationale Spitzengruppe bei Industrie 4.0 führen, ist eine grundsätzlich positive Einstellung zu technischen Veränderungen. In der Bundesrepublik hat aber eher ein Misstrauen gegenüber Technik und Innovation Tradition. Jetzt ist der Zeitpunkt, mit dieser Tradition zu brechen. Ein durchaus kritischer Optimismus muss an die Stelle der kulturpessimistischen Technikfeindlichkeit treten. Dann kann Industrie 4.0 eine deutsche Erfolgsgeschichte werden.

Von Hans-Thomas Hengl