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Unternehmensnachfolge-Geschichten: Warum der Austausch zwischen Nachfolgern so wichtig ist (Teil 1)

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Unternehmensnachfolge Mindset Wechsel Familienunternehmen

Für eine erfolgreiche Zukunft der Unternehmensnachfolge braucht die nächste Generation eine Anlaufstelle für mehr Austausch, Information und Weiterbildung.

Die Nachfolge-Generation in vielen deutschen Familienunternehmen steht in den Startlöchern: Firmen wie Fielmann, dm oder Müllermilch befinden sich im Übergabeprozess oder haben diesen bereits erfolgreich abgeschlossen. Mit der Unternehmensnachfolge durch den Sohn oder die Tochter geht oftmals auch ein Mindset-Wechsel einher: Moderne Werte und Einstellungen, die Digitalisierung und neue Nachfolge-Modelle stoßen Change Prozesse an und sind eine echte Chance auf Wachstum des Familienunternehmens.

Diesen Wandel erlebt Dinah Spitzley hautnah: Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen (FIF) an der Zeppelin-Universität untersucht sie die Trends und Entwicklungen rund um das Thema nächste Generation in Familienunternehmen – und zählt dabei zu ihrer eigenen Versuchsgruppe. Denn auch sie ist Unternehmerkind: 1966 gründete ihr Großvater die bito AG, ein Berliner Markenhersteller für alle Produkte im Bereich Farben, Bodenbeläge und Wärmedämmverbundsysteme, den heute in zweiter Generation ihr Vater Joachim Spitzley führt. Seit 2017 leitet Dinah Spitzley ein Langzeit-Projekt, das den Austausch zwischen jungen Mitgliedern aus Unternehmerfamilien ermöglicht – was es damit auf sich hat und warum es so wichtig ist, erzählt sie im ersten Teil unseres Interviews.

Frau Spitzley, als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen untersuchen Sie die nächste Generation von FamilienunternehmerInnen. Wie genau sammeln Sie dort Erkenntnisse über die Nachfolge-Generation?

Zum einen führen wir Studien durch, wie zuletzt „Deutschlands nächste Unternehmergeneration“ in Kooperation mit der Stiftung Familienunternehmen, der IHK Schwaben und der IHK Ulm. Darin halten wir insbesondere Erkenntnisse zu den Werten und Einstellungen der Nachfolge-Generation fest. Zum anderen gibt es bei uns das „Projekt 2024“: Dabei begleiten wir Mitglieder aus Unternehmerfamilien über einen Zeitraum von zehn Jahren, wissenschaftlich und persönlich. Hier konzentrieren wir uns vor allem auf die Rolle der Mitglieder innerhalb ihrer Unternehmerfamilie und begleiten sie auf Ihrem persönlichen und beruflichen Weg.

Wie genau kann man sich das Projekt vorstellen und wer nimmt daran teil?

Das Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen hat es gemeinsam mit der EQUA-Stiftung 2014 ins Leben gerufen, weil es bis dahin weltweit noch kein Langzeit-Projekt dieser Art gab, es ist also einzigartig und damit in der internationalen Forschungscommunity sehr wichtig. Viele Studien zum Thema Familienunternehmen betrachten oftmals nur die Nachfolger, die aktiv in die Firma einsteigen oder schon eingestiegen sind. Aber eine Unternehmerfamilie besteht nicht nur aus dem Nachfolger, sondern der gesamten Familie. Das ist die Zielgruppe unseres Projekts, es richtet sich also an die gesamte nächste Generation einer Unternehmerfamilie. Es gibt auch Teilnehmende, die sich nicht aktiv für die Nachfolge entschieden haben, sondern aufgrund bestimmter Umstände darauf verzichten oder bewusst einen anderen Weg einschlagen.

Im wissenschaftlichen Teil des Projekts füllen die Teilnehmenden einmal im Jahr eine Befragung aus, zu der sie eine individuelle Auswertung bekommen. Danach können wir Termine vereinbaren, die Themen der Befragung diskutieren und darüber sprechen, was ihnen gerade auf dem Herzen liegt. Dann schauen wir uns auch nochmal die alten Befragungen an und reflektieren: Wie haben sie sich entwickelt? Das ist sehr interessant, denn oftmals erinnern die Teilnehmenden sich gar nicht daran, welche Gefühle sie damals noch zum Familienunternehmen hatten.

Das sehe ich auch bei meiner eigenen Entwicklung. Ich war der Nachfolge gegenüber am Anfang skeptisch eingestellt, habe eher negative Werte angekreuzt. Mittlerweile nehme ich zwar nicht mehr an der Befragung teil, aber merke deutlich, dass sich meine Einstellung immer mehr zum Positiven entwickelt. Diese Wahrnehmung stellen wir bei vielen Teilnehmenden im Projekt fest.

Welches Ziel steht dahinter?

Unser Ziel ist es, einen Peer-to-Peer-Austausch zwischen den Unternehmerkindern zu schaffen und sie sowohl persönlich als auch wissenschaftlich zu begleiten. Es heißt deshalb Projekt 2024, weil es erstmal für einen Zeitraum von zehn Jahren angedacht ist und 2014 gestartet ist. Die Teilnehmenden sind immer dazu eingeladen, es mitzugestalten, weiterzuentwickeln, neue Vorschläge zu machen. Somit ist es ein sehr intimer und vertrauter Kreis, aber kein geschlossener. Es kann sich also jeder, der aus einer Unternehmerfamilie kommt, immer noch jederzeit und kostenlos online bei uns registrieren. Ich selbst habe das Projekt auch als Teilnehmerin kennengelernt und 2017 als wissenschaftliche Mitarbeiterin hauptverantwortlich übernommen.

Wenn Sie an aktuelle Herausforderungen und Trends der Arbeitswelt denken: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Unternehmensnachfolge in Deutschland? Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Ich wünsche mir mehr Verständnis und Awareness für die Herausforderungen der Nachfolge-Generation. Der Nachfolge-Begriff ist teilweise negativ behaftet und hat ein sehr verstaubtes Image, von dem wir uns lösen müssen.

So würde ich mir wünschen, dass wir einen stärkeren unternehmerischen Geist in Deutschland bekommen und das Thema anders auffassen, gerade damit Unternehmen nicht beendet werden müssen, weil sie keinen Nachfolger finden. Außerdem wünsche ich mir für die nächste Generation eine Anlaufstelle, bei der sie sich austauschen, informieren und weiterbilden können und die den Peer-to-Peer-Austausch noch stärker ermöglicht. Denn noch tauschen sich Nachfolger weniger untereinander, sondern entweder mit jemandem aus der Senior-Generation oder einem Berater aus. Ich bin der Auffassung, dass man mit einem Austausch auf Augenhöhe deutlich mehr erreichen kann.

Dabei wäre auch eine stärkere Ausrichtung auf das Unternehmertum in den Ausbildungsmöglichkeiten wichtig. Bei uns am Institut gibt es beispielsweise einen berufsbegleitenden Master-Studiengang für Family Entrepeneurship, wo wir Führungskräfte und Nachfolger in Familienunternehmen ausbilden.

Und zuletzt wünsche ich mir mehr Offenheit der Senior-Generation gegenüber Alternativ-Modellen, wie die Nachfolge aussehen kann. Es gibt so viele kreative Lösungen, die der Nachfolge-Generation einen eigenen Weg ermöglichen, ohne auf die operative Nachfolge zu verzichten.

Wenn Sie UnternehmensnachfolgerInnen in Deutschland nur einen Tipp geben könnten – welcher wäre das?

Suchen Sie sich Austauschpartner. Reden Sie miteinander und lernen Sie voneinander.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Welche neuen Nachfolge-Modelle gibt es?

Auch darüber haben wir mit Dinah Spitzley gesprochen – im zweiten Teil unseres Interviews wird es um Trends der Nachfolgeregelung und spannende Alternativen zum klassischen Modell gehen. Stay tuned!