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Unternehmensnachfolge im Wandel – Trends von damals bis heute

Unternehmensnachfolge

Unternehmensnachfolge im Wandel – Trends von damals bis heute

Normalerweise blicken Unternehmensnachfolger nach vorn – in die Zukunft ihrer Firma. Das ist für die Vision und das Wachstum auch gut und richtig so. Aber manchmal lohnt es sich, den Blick auch mal zurück in die Historie des Unternehmens zu richten. Andrea Schneider erklärt, warum. Die Historikerin und Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG) recherchiert und schreibt Firmengeschichten und unterstützt beim Aufbau von Firmenarchiven. Sie weiß: In der Geschichte wiederholen sich bestimmte Muster immer wieder und geben Aufschluss über Trends – daraus können jetzige und künftige Nachfolger lernen.

Frau Schneider, warum sollten Unternehmer und insbesondere Unternehmensnachfolger sich mit der Historie ihrer Firma auseinandersetzen?

Ganz einfach: Sie können eine Menge daraus lernen und diese Learnings für heutige Entscheidungen nutzen. Wer die eigene Geschichte einmal jenseits der Anekdoten, sondern anhand von Fakten gründlich aufarbeitet, versteht, warum gewisse Entscheidungen gefallen sind und ob sie zum Erfolg geführt haben oder nicht. Natürlich ist das dann nicht eins zu eins auf die jetzigen Rahmenbedingungen übertragbar, aber es gibt eine Orientierung. Gerade für Nachfolger kann es auch das Selbstvertrauen stärken und zu Entscheidungen ermutigen, wenn sie sehen: Meine Vorgänger haben auch manchmal mit Ungewissheiten kämpfen müssen und ins Blaue hinein entschieden. Sie haben Krisen durchlebt und überstanden. Das ist ein heilsamer Prozess. Als Historiker wissen wir außerdem, wie wichtig der Archivaufbau ist, denn: In 50 Jahren ist das, was wir heute aufheben, relevant, damit wir eine Geschichte schreiben können. Und ein weiterer wichtiger Grund: Die eigenen Mitarbeiter und gerade die jungen Arbeitnehmer haben ein Interesse daran, die Unternehmensgeschichte zu verstehen und legen Wert auf Transparenz. Wir haben es außerdem momentan mit einer Generation an Berufsanfängern und Studenten zu tun, die einen hohen moralischen Anspruch haben. Das bekommen immer mehr Unternehmen zu spüren und wollen dem gerecht werden. In diesem Sinne zählt die Aufarbeitung der eigenen Geschichte auch zu der Corporate Social Responsibility.Andrea Schneider

Vermutlich ist aber nicht alles, was die Unternehmen herausfinden können, positiv?

Das stimmt – bei vielen gehört es zum Beispiel dazu, die Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Es gibt in fast jedem Unternehmen, das damals schon existiert hat, Geschichten, die man sich erzählt. Stimmen die? Wie ist das Unternehmen mit seinen jüdischen Mitarbeitern umgegangen? Gab es Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge? Gab es überzeugte Nazis in den eigenen Reihen oder gar in der Unternehmerfamilie? Das sind unangenehme Fragen, die es sich aber lohnt zu stellen. Am Ende besitzt das Unternehmen Klarheit, kann dazu stehen und einen Umgang finden. Und aus der Erfahrung heraus kann ich sagen: Die Erwartungen sind meist schlimmer als das, was wir am Ende tatsächlich herausfinden.

Wie hat sich die Unternehmensnachfolge historisch gewandelt? Gibt es bestimmte Muster, die sich in den Geschichten, die Sie recherchieren, oft wiederholen?

Das Spannende und Überraschendste ist eigentlich, dass sich nicht ein Muster zwischen verschiedenen Unternehmen wiederholt, sondern dass sich innerhalb eines Unternehmens bestimmte Muster über viele Generationen hinweg wiederholen – zum Beispiel, dass immer der Mann oder immer zwei Geschwister gemeinsam die Firma übernehmen. Durchbrochen werden diese Muster dann tatsächlich häufig in Krisen. Das ist auch der Moment, wo oft Frauen mit ans Ruder kommen. Ganz klassisch: In den Weltkriegen mussten die Männer an die Front und die Frauen übernahmen die Geschäfte.

In den vergangen zwei Jahren ist ja nochmal deutlich geworden, welch wichtige Rolle Frauen in Krisenzeiten einnehmen. Welche Auswirkungen hatte die Nachkriegszeit in diesem Hinblick auf Unternehmensnachfolgen in Deutschland?

Bis vor kurzem hat man noch gedacht, Frauen seien in der Geschichte erst sehr spät in die Nachfolge gegangen, was auch nach offizieller Faktenlage stimmt. Aber der Blick in die Geschichte zeigt, dass es immer schon viel mehr Frauen gegeben hat, als wir es wahrnehmen: Ihre Geschichten sind einfach nicht aufgeschrieben. So gibt es auch Beispiele unabhängig vom Krieg: In einer Fallstudie, die wir gemacht haben, ist deutlich geworden, dass der Inhaber eigentlich gar keine Lust auf sein Unternehmen hatte, das ist auch so überliefert – er ist lieber auf die Jagd gegangen, während seine Frau in Wahrheit im Hintergrund das Unternehmen geleitet hat. Offiziell durfte sie es nicht, deswegen taucht in allen Akten und Verträgen nur sein Name auf.

Durch die Nebenüberlieferung von Briefen und anderen Dokumenten wird dann aber deutlich, dass sie eigentlich in der leitenden Position war. Und das ist kein Einzelfall, diese Geschichten von Frauen gibt es viel häufiger, als man denkt. In der Nachkriegszeit sind sie dann bekannter geworden, weil die Frauen beim Tod des Mannes auch die Rechte übertragen bekommen haben. Heute können wir schon den deutlichen Wechsel sehen, die Vorbehalte gegenüber Frauen sind größtenteils weg. In guten Zeiten läuft es also auch gut, aber in Krisenzeiten, so wie der Pandemie? Da haben viele Frauen nach wie vor eine Doppelbelastung, weil sie nicht nur beruflich, sondern auch familiär alles regeln. Es gibt aber viele Unternehmen, gerade kleinere Familienunternehmen, die in dieser Hinsicht gut aufgestellt sind. Neue Modelle, wie zum Beispiel Job-/Topsharing, bieten sehr gute Chancen für Frauen und machen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einfacher. Bei diesen Modellen spielt Vertrauen und guter Austausch eine ganz wichtige Rolle – Werte, die in Familienunternehmen oft besonders gelebt werden.

Welchen Tipp würden Sie Nachfolgern, die sich mit der Firmengeschichte auseinandersetzen wollen, mit auf den Weg geben?

Wagen Sie den großen Wurf – lassen Sie einmal alles zusammentragen und schauen genau in die Geschichte. Gibt es Muster, die wir beibehalten oder lieber durchbrechen sollten? Wie ist das Unternehmen mit Krisen umgegangen und warum hat es sie überlebt? Denn das ist nicht selbstverständlich. Die meisten Unternehmen, die gegründet werden, überleben nicht. Punkt. Also was haben wir anders gemacht, warum gibt es uns eigentlich noch? Und: Welchen Zweck haben wir von Anfang an verfolgt? Seit einigen Jahren ist der Begriff Purpose so relevant geworden. Aber der ist eigentlich nichts Neues, natürlich gab es schon immer viele Unternehmen, die einen höheren Zweck verfolgt haben, der der Gesellschaft zugutekommt. Einen Blick in die eigene Geschichte zu werfen, kann dabei helfen, ihn sich in Erinnerung zu rufen. All diese Fragen lassen sich nicht schnell beantworten, damit müssen Sie sich lange und ausführlich auseinandersetzen. Aber dann macht es auch wahnsinnig viel Spaß!

Vielen Dank für das Interview!

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