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Ausgezeichnete Unternehmensnachfolge: VdU vergibt den Next Generation Award 2020 an zwei Nachfolgerinnen

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Unternehmensnachfolge VDU Next Generation Award

Preise für erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmensgründerinnen gibt es in Deutschland inzwischen zahlreiche, für Frauen als Nachfolgerinnen aber nur diesen einen. Den Next Generation Award 2020 vergab der Verband deutscher Unternehmerinnen Ende August zum dritten Mal. Diesmal an zwei Frauen, die jeweils sehr erfolgreich Firmen in absoluten Männerdomänen übernommen haben: Melanie Baum führt heute nach einer gelungenen familieninternen Nachfolge die Baum Zerspanungstechnik e. Kfr. in Marl. Ines Sterling übernahm als externe Nachfolgerin das Unternehmen HW Brauerei Service GmbH & Co. KG in Erbshausen.

Schon die Gründerin des Verbands deutscher Unternehmerinnen Käte Ahlmann war eine erfolgreiche Nachfolgerin in einer bis heute von Männern dominierten Branche. Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes führte sie mehr als dreißig Jahre die Eisengießerei Ahlmann-Carlshütte in Büdelsdorf bei Rendsburg und es gelang ihr sogar durch die schrittweise Übernahme der Aktienmehrheit die Firma in den Alleinbesitz der Familie zu bringen.

Unternehmensnachfolge VDU Next Generation Award Melanie Baum

Melanie Baum (c) Baum Zerspanungstechnik

Geglückte Familiennachfolge: Melanie Baum

Wie viele Unternehmerkinder ist Melanie Baum mit der elterlichen Firma aufgewachsen und hat diese später durch diverse Schülerjobs besser kennengelernt. Auch wenn in der Familie schon früh klar war, dass sie einmal ins Unternehmen einsteigen könnte, haben sie ihre Eltern nicht bedrängt. Doch nach Studium und Auslandssemester bat ihr Vater sie kurzfristig, ihn im Familienunternehmen zu unterstützen. Der bis dahin sehr erfolgreiche Betrieb war plötzlich als Folge der Weltwirtschafts- und Finanzkrise 2008 zu einem Sanierungsfall geworden. Melanie Baum bekam damit ganz ungewollt ihre erste große Aufgabe, mit der sie sich im Unternehmen und gegenüber den Eltern beweisen musste. Gemeinsam mit ihrem Vater sanierte sie den Familienbetrieb, wobei alle Arbeitsplätze erhalten werden konnten. Vater und Tochter brachten das Unternehmen schließlich wieder in die Gewinnzone.

Viel Zeit für den Übergabeprozess sichert den Erhalt der Firma

Dennoch dauerte es dann noch sechs Jahre bis zur vollständigen Übernahme der Geschäftsführung. Für diese Zeit hatten ihr Vater und sie einen genauen Nachfolgeplan erstellt. Nach zwei Jahren als Trainee in allen Unternehmensbereichen arbeitete Melanie Baum weitere zwei Jahre beim Führungsteam und ihrem Vater mit, während dieser dann in den letzten beiden Jahren die Tochter bei der Geschäftsführung begleitete. Immer wieder entschieden Vater und Tochter nach den einzelnen Etappen, ob die Nachfolge realistisch und im Sinne aller Beteiligten ist. Am Ende stand die Übernahme der Firma und als der Vater kurz danach überraschend verstarb, wurde deutlich, wie wichtig die vorab gesicherte Nachfolge gewesen war.

Unternehmensnachfolge ist „Herzensangelegenheit“

Heute führt Melanie Baum ein an Größe, Umsatz und Mitarbeiterzahl gewachsenes Unternehmen. Sie hat in der Zeit der Nachfolge mit dem Vater ihre Rolle als Unternehmerin und Nachfolgerin gefunden und vor allem gelernt, dass für eine erfolgreiche Unternehmensführung eine vorausschauende Planung unersetzlich ist. Den Gewinn des Next Generation Awards versteht sie „als Denkanstoß an alle weiblichen Führungskräfte, ebenfalls zu prüfen, ob sie die Nachfolge in einem Unternehmen antreten können“.

 

Unternehmensnachfolge VDU Next Generation Award Ines Sterling HW Brauerei Service

Ines Sterling (c) HW Brauerei Service

Von der Geschäftsführerin zur Nachfolgerin: Ines Sterling

Ihr heutiges Unternehmen lernte Ines Sterling als 23-jährige Angestellte kennen. Bereits nach einem Jahr wurde sie zur Geschäftsführerin berufen und führte danach vier Jahre lang das Unternehmen, das Serviceleistungen im Brauereibereich anbietet. Als der Unternehmensgründer seine Firma verkaufen wollte, entschloss sich Ines Sterling eher spontan zum Kauf. Wenn man sich anschaut, was sie bis heute unternehmerisch auf die Beine gestellt hat, war dies sicher die richtige Entscheidung.

Schließlich führt Ines Sterling seitdem nicht nur die HW Brauerei Service GmbH erfolgreich mit fast vierzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sondern gründete weitere Unternehmen im Bereich Bier und Brauwesen. So betreibt sie den ehemals in Heilbronn ansässigen Braupartner-Onlineversand, den sie im Jahr 2018 vom vorhergehenden Inhaber und Gründer übernommen hat – eine weitere erfolgreiche Nachfolgegeschichte. Hobby-Brauer erhalten hier Produkte für ihre Freizeitbeschäftigung, dazu Expertenwissen in allen Bereichen der Bierherstellung und individuelle Beratung bei speziellen Fragen.

Kreativität und Leidenschaft fürs Produkt machen sich bezahlt

Ines Sterling, die eigentlich in einer Weinregion aufwuchs, hat das Thema Bier und die Liebe zum Bier erst durch ihre Tätigkeit und die Firmenübernahme entdeckt. Und so wie sie als Unternehmerin Dinge konkret anpackt, hat sie es auch mit dem Getränk gehalten: In einem Vollzeitkurs an der renommierten Brauer-Schule in Doemens bildete sich weiter und wurde danach zur ersten Bier Sommelière Würzburgs ernannt.

Im Ines Beer Store am Firmensitz gab es bis August dieses Jahres nicht nur seltene Bierspezialitäten aus ganz Europa zu erwerben, sondern auch Bierverkostungen und das erste Erbshausener Craft-Beer-Festival. Künftig wird es den Ladenverkauf zwar nicht mehr geben, dafür aber weiterhin Bier- und Brauseminare sowie Biergenussreisen.

Bereits als Gründerin erfolgreich

Mit ihrem Ehemann, einem Koch und gebürtigen Jamaicaner, gründete Iris Sterling gemeinsam den Catering-Service „Sterling’s Jamaican Catering“, wofür beide 2015 den Gastro-Gründerpreis auf der Berlin Food Night gewannen. Und um sich ihre Vision von heimischem Craftbeer zu erfüllen, gibt es seit 2018 die kleine Brauerei „Waldschatz Bräu“, die sie mit mehreren Partnern betreibt.

Die Vollblutunternehmerin hatte ihre erste Firmennachfolge damals gut vorbereitet und ein halbes Jahr gemeinsam mit dem Altinhaber, dem Firmenanwalt und der Bank geplant. Dazu kam ein Architekt, weil Iris Sterling sich als erstes Projekt für ihr neues Unternehmen einen neuen Firmensitz auserkoren hatte, denn der alte genügte von der Größe und der verkehrsmäßigen Anbindung nicht mehr. Obwohl die Nachfolge nicht langfristig geplant war, erfolgte die Übergabe dank guter Vorbereitung und Kommunikation mit allen Beteiligten nur geringfügig verzögert durch die kurzfristige Absage einer Bank.

Das Ziel ist, Frauen in Führung zu stärken

Weibliche Vorbilder aus Vergangenheit und Gegenwart beim Thema Unternehmensnachfolge hervorzuheben ist auch deshalb besonders wichtig, weil in Deutschland zwar immer mehr Frauen Führungsverantwortung übernehmen wollen, aber nur sehr langsam in solche Positionen gelangen. Die aktuellen Zahlen sind ernüchternd und zeigen, dass vor allem in hundertprozentigen Familienunternehmen weibliche Führungskräfte absolute Mangelware sind. In den deutschen DAX-Unternehmen waren zuletzt mit 15 Prozent dreimal mehr Frauen in Führungspositionen tätig.

Mehr Sichtbarkeit bewegt zum Umdenken

Gerade bei Familienunternehmen steht das Thema Nachfolge irgendwann mit Sicherheit an. Schon heute suchen jedes Jahr zahlreiche Unternehmer in Deutschland einen Nachfolger. Leider noch viel zu selten eine Nachfolgerin. Hier muss ein Umdenken erfolgen, denn schließlich waren von allen Existenzgründern 2019 mehr als ein Drittel Frauen, von denen sicher die eine oder andere für eine Nachfolge zu begeistern gewesen wäre. Mit dem Preis, für den vorab fünfzig Finalistinnen ausgewählt wurden, will der Verband deutscher Unternehmerinnen einerseits auf erfolgreiche Nachfolgerinnen hinweisen und andererseits Frauen ermutigen, die Übernahme eines bestehenden Unternehmens in Betracht zu ziehen.

Beitragsbild © Baum Zerspanungstechnik