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Teil 1 | Sind Unternehmensnachfolgen nachhaltiger als Neugründungen? Teil 1

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Unternehmensnachfolge Nachhaltigkeit

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) tragen in Deutschland über die Hälfte der Wirtschaftskraft bei und machen hierzulande 99 Prozent aller Unternehmen aus. Fast 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten arbeiten in KMUs, die meisten davon Familienunternehmen und inhaber- oder familiengeführt.

Sie stellen mehr als 80 Prozent aller Ausbildungsplätze im Land und übernehmen damit Verantwortung für die Fachkräfte von morgen. Charakteristisch für den Mittelstand sind außerdem „regionale Verwurzelung, Kontinuität, Denken in Generationen und ein verantwortungsvoller Umgang mit Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern“.

260.000 Unternehmen streben innerhalb der nächsten zwei Jahre die Nachfolge an

Im Unterschied zu Großunternehmen und internationalen Konzernen steht fast jeder dieser Betriebe einmal vor der Frage der Unternehmensnachfolge. Aktuellen Zahlen des KfW-Mittelstandspanels zufolge war 2020 fast ein Drittel der mittelständischen Unternehmer über 60 Jahre alt, 13 Prozent sogar älter als 65. Etwa 260.000 Unternehmen wollen in den kommenden zwei Jahren die Nachfolge abwickeln und suchen einen Nachfolger.

Existenzgründer, die eine Unternehmensnachfolge in Betracht ziehen, hätten also sehr gute Chancen, sich eine selbstständige und zukunftsreiche Existenz als Unternehmer aufzubauen. Leider ist die Nachfolge seit Jahren nur für einen kleinen Teil der Gründer eine Option, denn 8 von 10 gründen neu. Noch immer sind die Vorteile einer Unternehmensnachfolge nicht bekannt genug. Schließlich erhält der Nachfolger-Gründer ein am Markt positioniertes Unternehmen mit Lieferanten und Kundenstamm, mit Produkten und Dienstleistungen, die ab dem ersten Tag Gewinne abwerfen können, und eine eingespielte Mannschaft mit gut ausgebildeten und eingearbeiteten Mitarbeitern.

Dahinter stehen viele Jahre unternehmerischer Arbeit, meist von mehreren Generationen geleistet. All das muss ein Neugründer erst einmal erschaffen. Warum könnte es nachhaltiger sein, auf solch vorhandenes Potential zu bauen, statt alles von der Pike auf neu zu erfinden?

Auch in deutschen Unternehmen setzt sich die Erkenntnis immer mehr durch, dass Nachhaltigkeitsaspekte für den ökonomischen Erfolg bedeutsam werden. Die Weiterführung funktionierender Unternehmen sowie die Bewahrung von Know-how und gewachsenen Strukturen ist ein Aspekt von Nachhaltigkeit, der bisher noch zu wenig im Blick unserer Gesellschaft ist.

Was bedeutet Nachhaltigkeit?

Der Begriff stammt ursprünglich aus dem 17. Jahrhundert, ist aber erst in den letzten Jahren angesichts von Klimawandel und schwindenden Ressourcen zu einem der zentralen Begriffe unserer Gegenwart geworden. Damals begründete der Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz den Gedanken der Nachhaltigkeit im Hinblick auf die Waldwirtschaft: In einem Wald solle nur so viel abgeholzt werden, wie der Wald in absehbarer Zeit auf natürliche Weise regenerieren kann. Der schonende Umgang mit natürlichen Ressourcen war schon damals mit ökonomischen Gesichtspunkten verbunden.

Auf das System der mittelständischen Wirtschaft in Deutschland und das einzelne Unternehmen umgelegt bedeutet nachhaltiges Handeln also ein Handeln, das den Fortbestand des Systems garantiert, bei schonendem Umgang mit den Ressourcen.

Lassen sich Nachfolgen mit Neugründungen im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit überhaupt vergleichen?

Diese Frage habe ich Prof. Dr. Holger Wassermann, Geschäftsführer der auf Verkauf, Kauf und Bewertung von Mittelstandsunternehmen spezialisierten INTAGUS GmbH gestellt. Er ist zudem wissenschaftlicher Leiter des KCE KompetenzCentrum für Entrepreneurship & Mittelstand der FOM Hochschule für Oekonomie & Management und Mitglied im „Expertenkreis Nachfolge“ des BVMW Bundesverband Mittelständische Wirtschaft.

Der Experte sagt: „Es liegen bislang keine empirischen Untersuchungen vor, die solche Vergleiche ermöglichen. Aus der Erfahrung der INTAGUS GmbH lässt sich ableiten, dass Neugründungen vorzuziehen sind, wenn es in der Branche einen massiven Erneuerungsbedarf der Geschäftsmodelle gibt, etwa unter den Aspekten ökologische Nachhaltigkeit oder Digitalisierung. In vielen Bereichen ist dies aber nicht so grundlegend der Fall, und dann wäre es ein Fehler, „das Rad neu zu erfinden“. Unter dem Gesichtspunkt der ökologischen Nachhaltigkeit erfahren hingegen so manche scheinbar „altbackenen“ Geschäftsmodelle eine neue Wertschätzung. Das gilt beispielsweise für alle Arten des Reparaturgewerbes, sofern dies auch mit einem Wandel in der Mentalität der Kundschaft verbunden ist.“

Auch wenn sich die Frage also nicht eindeutig mit „ja“ oder „nein“ beantworten lässt, würde ich angesichts der Bedeutung von Familienunternehmen für unsere Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt für einen nachhaltigeren Umgang beim Thema Nachfolge plädieren. Bevor ein Unternehmer seine Firma wirklich stilllegen muss, sollte alles versucht worden sein, ihn bei deren Fortbestand zu unterstützen.

In einem Fortsetzungsartikel werde ich einen vertiefenden Blick auf die ökonomischen, sozialen und regionalen Aspekte der Nachhaltigkeit werfen.

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