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Unternehmensnachfolger oder Krisenmanager? 1 Jahr Corona – Expertentipps aus der Praxis

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Hat die Corona-Krise dazu geführt, dass sich die Nachfolgesituation im deutschen Mittelstand noch mehr zuspitzt und immer weniger ein Unternehmen übernehmen? Oder ergeben sich im Gegenzug aus den neuen Rahmenbedingungen auch neue Chancen für Nachfolger?

Diesen Fragen haben wir uns in unserem Experten-Talk „1 Jahr Corona – Unternehmensnachfolge in der Krise“ gewidmet. Für alle, die das Live-Event verpasst haben, berichten wir an dieser Stelle über die spannendsten Erkenntnisse der Diskussion.

Unternehmensnachfolger und Nachfolge-Experten diskutieren

Zu Beginn gaben die Teilnehmer unter der Moderation von Heino Trusheim ihren Eindruck vom Corona-Jahr und dessen Auswirkung auf den deutschen Mittelstand wieder. Mit dabei waren der Nachfolgeexperte Prof. Dr. Holger Wassermann, die Geschäftsführerin und künftige Familiennachfolgerin der Plastro Mayer GmbH, Isabel Grupp, sowie Tim Karußeit, langjähriger Unternehmer und seit Anfang 2020 Geschäftsführer der Hoffmann Messebau Hannover.

Gewinner und Verlierer – Corona-Krise führt zu Zweiteilung im Mittelstand

Holger Wassermann, der als Gründer der Nachfolgeberatung INTAGUS und Autor des Nachfolgemonitors die wissenschaftliche Untersuchung von Nachfolgeprozessen mit der praktischen Unternehmensberatung für die Firmenübergabe im Mittelstand verbindet, sagt dazu: „Es ist extrem bunt gerade. Ich habe mit diversen Unternehmern gesprochen, die 2020 ihr bestes Geschäftsjahr hatten – und genauso sehen wir in anderen Branchen Unternehmen, die ein Jahr lang 0 Umsatz fahren.“

Isabel Grupp, die in ihrer Doppelrolle als Geschäftsführerin und Vorsitzende der Jungen Unternehmer Süd-Württemberg viele mittelständische Familienunternehmen vertritt, sieht das genauso: „Es gibt einerseits Branchen wie die Event- und Gastronomiebranche, die aktuell extrem notleiden und nach einer Zeit der Perspektivlosigkeit und schleppenden politischen Maßnahmen ihre Reserven ausgereizt haben. Zum anderen aber gibt es auch Unternehmen in Brachen, die funktionieren und profitieren.“

„Wir hatten stabile Säulen“ – Best Practice: Sicherheit durch finanzielles Polster

So konnte das väterliche Unternehmen trotz „absoluter Ungewissheit“ und schwieriger Rahmenbedingungen (inter-)national Neukunden gewinnen und das Corona-Jahr 2020 solide abschließen. Diesen Erfolg hat das Unternehmen auch der umsichtigen Geschäftsführung ihres Vaters in den Jahren zuvor zu verdanken, so Grupp. „Wir sind seit 4 Jahren in einer glücklichen Situation, bankenunabhängig agieren zu können“, sagt sie. „Jetzt habe ich gemerkt, wie wichtig das Gefühl ist, eine Zeitlang sicher und aus eigenen Stücken überleben zu können.“

„Ich war eine Woche in einer Schockstarre“ – Best Practice: Neuerfindung in der Krise

Dass die Corona Krise die deutsche Wirtschaft in Gewinner und Verlierer zweigeteilt hat, hat auch Tim Karußeit am eigenen Leib erfahren. Sein Messebau-Unternehmen wurde besonders hart von der Krise getroffen. Dabei habe niemand vorhergesehen, dass die Ausnahmesituation so lange andauert: „Ich hatte einen Banktermin vor genau einem Jahr, da war die Perspektive: das Ganze geht von März bis allerspätestens Herbst 2020. Die Dauer der Krise, das ist eine Herausforderung, nicht nur im Hinblick auf die Finanzen, sondern auch mental.“

Dabei ist der 43-Unternehmer ein Vorzeigebeispiel, wie man sich in der Krise neuorientieren und die Weichen Richtung Erfolg drehen kann. Nach dreijähriger Suche nach „der Nadel im Heuhaufen“ hat der Vollblut-Unternehmer schließlich das für ihn perfekte Unternehmen zur Nachfolge gefunden und im Dezember 2019 übernommen. „Denkbar schlechter hätte es dann nicht kommen können. Ende Februar/Anfang März sind die Absagen im Sekundentakt eingetrudelt – entweder von Kundenseite oder von den Messeveranstaltern selbst, so dass man sehen konnte: Hier bricht gerade 100% des Umsatzes weg.“

Tim Karußeits Praxis-Tipps für Nachfolger:

  • Sich auf die eigenen Stärken besinnen: „Für mich gab es keine Alternative, es war klar, wir müssen nach vorne schauen.“ Zusammen mit seinem Team hat Karußeit überlegt, welche temporären Raumlösungen sich aus den schnell und flexibel einsetzbaren Messewänden schaffen lassen und wo diese gebraucht werden, z.B. in Behelfskrankenhäuser und Testzentren.
  • Als Krisenmanager agieren: „In der Situation war es an mir als Krisenmanager, komplett nach vorne zu gehen in die erste Reihe und voll ins kalte Wasser zu springen“. Zwei Monate nach Übernahme des Unternehmens musste Karußeit seine Mitarbeiter zu 100% in Kurzarbeit schicken – eine schwierige Entscheidung. Was ihm dabei geholfen hat? 16 Jahre Erfahrung als Unternehmer, in denen er schon mehrere Krisen durchlebt hat. „Dass ich krisenfest bin, war wichtiger, als ein guter Geschäftsführer zu sein, oder ein Finanzstratege oder an sich ein guter Nachfolger – denn ich bin ja seit einem Jahr Krisenmanager.“
  • Wert auf Teamzusammenhalt legen: Komplett neu im Unternehmen, kannte Karußeit weder sein Team noch seine Kunden und die Prozesse im Unternehmen. Ohne das Vertrauen der Mitarbeiter und den teameigenen Zusammenhalt wäre es schwierig für ihn geworden, sagt er. Was ihm dabei geholfen hat, war eine ehrliche, transparente Kommunikation: „Aussagen treffen und diese dann auch einhalten.“
  • Ein gutes Verhältnis zum Vorgänger aufbauen: Zu dem ehemaligen Eigentümer hatte Karußeit von Anfang an ein sehr gutes Verhältnis. „Mein Vorgänger ist 49, ich bin 43 Jahre alt, wir sind fast eine Generation und er war ein toller Ratgeber. In dem Moment, wo die Krise voll eingeschlagen ist, mussten wir uns zwar finanziell trennen, er hat mir aber von der Seitenlinie noch beigestanden.“
  • Sich gut beraten lassen: Karußeit hat ein Team aus mehreren Beratern um sich aufgebaut, wovon die meisten schon seit der Nachfolge mit an Bord sind. „Gute Berater sind nicht nur für die Startphase und die entscheidende Übernahmephase wichtig, sondern begleiten einen idealerweise auch danach weiter, weil sie perfekt eingearbeitet sind.“

 

Im Corona-Jahr ein Unternehmen zu übernehmen und dann nicht gleich wieder hinschmeißen zeige wichtige Unternehmerqualitäten, resümiert der erfahrene Nachfolgeexperte Prof. Dr. Wassermann beeindruckt. Er stimmt Tim Karußeit zu: Vor allem für Nachfolger ohne vorherige Unternehmererfahrung seien gute Berater immens wichtig, da sie sich mit ihrer neuen Rolle als alleiniger Entscheider auf mentaler Ebene oft noch nicht genug auseinandergesetzt haben. „Die Entscheidung aus dem sicheren Angestelltenverhältnis rein in die Selbständigkeit ist für die Nachfolger die wichtigste Entscheidung im Leben. Der Berater übernimmt also eine Art Supervisionsrolle – und Coach. Da baut sich in der Regel ein sehr enges Vertrauensverhältnis auf.“

Was bedeutet die aktuelle Krise für die Nachfolgesituation in Deutschland?

„Die Corona-Krise wird einen nachhaltigen Eindruck auf das Nachfolge-Geschehen haben. Sicherlich branchenspezifisch, aber auch allgemein.“ Wassermann ergänzt außerdem, dass der Weg als Nachfolger in Deutschland immer seltener eingeschlagen wird und verweist auf die aktuellen Zahlen der dritten Ausgabe des Nachfolgemonitors. Insbesondere die jüngere Generation ziehe eine Nachfolge immer seltener in Betracht. Vor allem familienintern komme man aktuell nur auf einen Nachfolgeanteil von 50 %. Als Hauptursache nennt er Stichpunkte wie Bildung, Wertewandel und die Vielzahl an Möglichkeiten, die der jüngeren Generation geboten werden. Zudem gelten auch Start-Ups nach wie vor als der attraktivere Weg, ins Unternehmertum einzusteigen, als ein vermeintlich veraltetes Geschäftsmodel ohne Zukunft zu übernehmen.

Fazit: Nachfolge trotz allem ein lohnender Weg ins Unternehmertum

Zusammenfassend wurden in der Runde daher nochmal die wichtigsten Argumente für eine Unternehmensnachfolge auch während Krisenzeiten zusammengetragen. „Ich wollte Nachfolger werden, um Unternehmer zu sein“, sagt Karußeit. „Es ist ein sehr steiniger, langwieriger Weg und nicht einfach, aber am Ende lohnt sich. Alles einfache ist vielleicht nicht für Unternehmer gedacht!“ Wassermann verweist auf die spezifische Lage im Osten Deutschlands, wo 80 – 90% der Unternehmensgründer aus dem Mittelstand mittlerweile über 65 Jahre alt sind und Nachfolger suchen: „Jetzt ist ein super Zeitpunkt, um ein Unternehmen zu kaufen.“ Und auch Isabell Grupp sagt über ihre Entscheidung, das Familienunternehmen zu übernehmen: „Ich hätte es bereut, die Chance nicht genutzt zu haben.“

Die Expertenrunde ist sich also einig: Auch wenn die Corona-Krise vielen Jung-Unternehmern so einiges abverlangt hat im letzten Jahr – die Unternehmensnachfolge an sich lohnt sich!

Wir bedanken uns herzlich bei allen Beteiligten für die persönlichen und wertvollen Einblicke aus der Praxis!

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