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Unternehmensnachfolge-Geschichten: Übergabe im Sekthaus

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Unternehmensnachfolge-Geschichten

Bei uns fallen die Entscheidungen am Esstisch oder bei einem Glas Sekt.

UnternehmensnachfolgeIn einer Unternehmerfamilie aufzuwachsen und die Nachfolge der eigenen Eltern anzutreten, kann eine große Chance sein – die aber auch mit besonderen Herausforderungen verbunden ist. Marie-Luise Raumland befindet sich in einem solchen Übergabeprozess: 1990 gründeten ihre Eltern Heide-Rose und Volker Raumland ein Sekthaus im südlichen Rheinhessen. Sie produzieren hochwertigen Sekt in traditioneller Flaschengärung, sowohl für den eigenen Verkauf als auch für andere Winzer in ganz Deutschland. Heute beschäftigt das Sekthaus Raumland je nach Saison zehn bis 25 Mitarbeiter, ist als bislang einziges Sekthaus im Verein deutscher Prädikatsweingüter (VDP) aufgenommen und umfasst die am höchsten ausgezeichnete Sektkollektion Deutschlands. Marie-Luise Raumland steht gemeinsam mit ihrer Schwester Katharina bereits in den Startlöchern, um den Erfolg des Familienunternehmens weiterhin zu sichern: Seit kurzem sind die beiden fest im Betrieb und werden die interne Nachfolge in zweiter Generation antreten. Noch arbeitet die ganze Familie zusammen in der Firma und kann demnächst auf 30 Jahre Erfolgsgeschichte anstoßen.

Der Edeltropfen dafür liegt schon bereit: „Wir haben eine tolle Cuvée im Keller liegen, die die letzten 30 Jahre unserer Unternehmensgeschichte in flüssiger Form beinhaltet. Zum Jubiläum wird es eine große Feier geben, bei der wir diesen Sekt präsentieren.“, so die junge Nachfolgerin. Im Interview erzählt sie von persönlichen Herausforderungen und verrät, worauf ihrer Erfahrung nach kein Unternehmensnachfolger verzichten sollte.

 Frau Raumland, seit kurzem sind sie fest im Familienunternehmen. Wie sieht Ihr Alltag im Tagesgeschäft dort aus?

Tatsächlich gibt es keinen ganz normalen Arbeitstag, weil wir mit der Natur arbeiten, die sich von Saison zu Saison oder von Jahreszeit zu Jahreszeit verändert. Unser Unternehmen besteht grundsätzlich aus drei Bereichen: der Arbeit im Büro in der Vinothek, wo alles Betriebliche stattfindet und wir die Sekte verkaufen, dem Außenbetrieb (die Arbeit im Weinberg), und schließlich der Arbeit im Keller, wo wir uns tagtäglich darum kümmern, dass aus den Trauben, die wir im Herbst ernten, hochwertiger, raffinierter Sekt wird. Mein persönlicher Arbeitsalltag ist dementsprechend auch divers: Ich habe mir erstmal das Ziel gesetzt, die kompletten Prozesse kennenzulernen, zunächst unsere betriebswirtschaftlichen Abläufe, um dann im nächsten Schritt noch mehr in die Weinbergs- und Kellerarbeit zu gehen. Des Weiteren bin ich viel unterwegs, beispielsweise auf Weinmessen oder bei gastronomischen Events etc.

Was motiviert Sie jeden Tag, für Ihr Unternehmen alles zu geben?

Mich motiviert es sehr zu wissen, dass wir mit dem, was wir tun, extrem viel Freude bereiten, weil wir ein sehr emotionales Produkt haben. Sekt trinkt man meist zu tollen, besonderen Gelegenheiten. Ich möchte ihn auch als Essensbegleiter zu tollen Gerichten oder Desserts präsentieren und den raffinierten Sekt aus traditioneller Flaschengärung, den wir in Deutschland haben, noch bekannter machen. Mein zweiter großer Motivator ist die Arbeit in der Natur. Ich laufe jeden Tag durch den Weinberg und verstehe in meinem jetzigen Job, was Zeit bedeutet – nicht, weil ich zehn E-Mails abgearbeitet habe, sondern weil ich beobachte, was die Natur errichtet. Dadurch entsteht eine hohe Sensibilität für die Umwelt und das, was um mich herum geschieht. Das hat mir in den Jahren zuvor gefehlt und bringt mir jetzt jeden Tag Gänsehaut.

Welche Herausforderungen bringt die Unternehmensübernahme für Sie ganz persönlich mit sich?

Das Gefühl, dass man in extrem große Fußstapfen tritt, ist immer eine Herausforderung als Nachfolger. Mir mangelt es eigentlich nicht an dem Selbstbewusstsein, dass ich das schaffen kann, aber was meine Eltern in den letzten 30 Jahren aufgebaut haben, ist unglaublich und einzigartig. In Medienberichten wird mein Vater als der „Sektpapst“ oder der „Perlenkönig“ beschrieben – da wird einem dann klar, was für ein Berg an Verantwortung vor einem steht.

Wie war es, in einer Unternehmerfamilie aufzuwachsen?

Ich glaube, darüber kann man erst im Nachgang so richtig reflektieren. Im Grunde ging es schon früher bei uns den ganzen Tag nur um Sekt: beim Frühstück, beim Mittagessen, beim Abendessen. Und dazwischen saßen die Kunden mehr oder weniger auf unserer Couch, denn die Verkostungen fanden damals in unserem privaten Wohnhaus statt. Zudem haben wir mit der Schulklasse Ausflüge in unseren Betrieb gemacht, um zusammen Trauben zu lesen. Entsprechend sind meine Schwester und ich sehr eng und intensiv damit aufgewachsen, was sehr wertvoll war: das unternehmerische Denken mitzubekommen und immer wieder zu hören, welche Entscheidungen getroffen werden, das hat mir in meinem beruflichen Werdegang viel geholfen. Dennoch haben meine Eltern stets versucht, einen gesunden Abstand zwischen uns und dem Unternehmeralltag zu halten, sodass wir unsere eigenen Interessen und Hobbys verfolgen und uns somit später aus reinem Eigeninteresse für das Familienunternehmen entscheiden sollten. Das hat letztendlich auch geklappt: Wir beide haben jeweils erst etwas anderes gemacht und dann aber auch wieder zurückgefunden.

Also war es für Sie nicht immer klar, das Unternehmen Ihrer Eltern zu übernehmen?

Rückblickend glaube ich, dass ich es schon immer im Bauchgefühl hatte. Aber ich habe die Entscheidung zunächst nicht treffen können, aus Angst vor ihrer Endgültigkeit. Meine Eltern haben mir immer geraten, mich erst in einem anderen Bereich weiterzubilden und über den Tellerrand zu blicken, damit ich meinen Horizont öffne und mich erst dann wieder auf einen bestimmten Bereich eingrenze. Meine Schwester und ich haben beide Internationale Betriebswirtschaft studiert und waren viel unterwegs: Wir haben Praktika und Austauschprogramme auf der ganzen Welt gemacht. Am Ende entschieden wir uns beide, ich im Master, meine Schwester im zweiten Bachelor, für ein Weinbaustudium. Dennoch wollte ich danach erstmal andere Unternehmen beschnuppern und dort Verantwortung übernehmen. In den letzten fünf Jahren war ich also in unterschiedlichen Funktionen und namhaften Unternehmen tätig. Dabei habe ich gelernt, Führungsverantwortung zu übernehmen und mich zu strukturieren. Das alles kann ich jetzt perfekt anwenden.

Sie sind eben nicht nur Nachfolgerin, sondern auch Tochter. Bei der Übernahme innerhalb der Familie kann es sicher auch mal zu Spannungen kommen – gibt es bei Ihnen deswegen besondere Herausforderungen?

Natürlich. Wir sind alle sehr emotionale Menschen, meine Schwester und ich zudem sehr unterschiedlich, und diskutieren alle gerne. Somit werden die Entscheidungen mitunter immer noch am Esstisch oder bei einem Glas Sekt getroffen. Sollte es mal emotional werden, stellen wir uns stets die Frage: In welcher Rolle befinde ich mich eigentlich gerade, agiere ich gerade als „die Tochter“, „die Schwester“, die „Geschäftsführerin“? Das ist ein Spannungsfeld, aber das macht ein Familienunternehmen eben auch aus, weil man auf ganz verschiedenen Ebenen tolle Diskussionen führen kann, sachlich wie auch emotional.

Das Sekthaus Raumland ist ein Unternehmen mit Tradition. Gehen mit der Übernahme dennoch Mindset-Wechsel und neue Werte einher?

Ich beschäftige mich – unabhängig von unserer Übernahme – schon lange mit dem Thema Nachfolge und sehe es als Herausforderung oder vielmehr Kunst für den Nachfolger, zu verstehen, was die Traditionen und Werte eines existierenden Unternehmens sind, wie man diese sanft anpackt und nicht verändert, sondern weiterentwickelt. Oder wie man neue Ideen darauf basierend entwickelt, ohne komplett andere Wege zu gehen. Diese Werte haben wir gemeinsam mit der Familie aufgearbeitet und schriftlich niedergeschrieben, als wir im Unternehmen eingestiegen sind. Somit können wir unsere zukünftigen Entscheidungen stets mit diesen Werten abgleichen.

Was werden Sie und Ihre Schwester denn verändern und modernisieren?

Meine Schwester und ich haben beide ein starkes Bewusstsein für biologischen Weinbau, den wir schon seit 2002 bei uns verfolgen. Wir beide wollen jetzt das Thema Biodynamie angehen und den Betrieb auch diesbezüglich umstellen. Das ist unsere „Philosophie“, in der auch Wachstums- und Mondphasen berücksichtigt werden, um die Pflanze noch besser zu schützen. Denn wir merken, dass wir sehr abhängig von der Natur sind, die sich gerade in den letzten Jahren extrem verändert. Durch unsere Aufnahme im VDP im Januar müssen wir zudem unser Flaschendesign anpassen. Da wir unsere Werte genau definiert haben, schreiten wir aktuell in dem Designprozess extrem schnell voran und entscheiden zügig, was zu uns passt und was nicht. Außerdem tragen wir beide bereits die volle Verantwortung für das Thema Digitalisierung. Auch das wird immer wichtiger in unserer Branche.

Wie kann man sich Ihre Übernahme als Schwesternpaar genau vorstellen? Bilden Sie eine Doppelspitze in der Führung?

Genau, langfristig möchten wir eine Doppelspitze bilden und uns aufteilen, um das Unternehmen effizient und vor allem qualitativ noch weiter voranbringen zu können. Dennoch ist uns klar, dass jeder einzelne von uns gerade am Anfang in jeden Bereich blicken muss, um das Unternehmen von Grund auf zu verstehen.

Gibt es besondere Skills, die Sie sich für die Geschäftsführung zunächst noch aneignen müssen?

Ja, auch wenn man Weinbau studiert oder eine Lehre macht, bedeutet das nicht, dass man danach Wein herstellen kann. Mein Vater sagt immer: Der Winzer lernt nach 30 Jahren im Beruf immer noch dazu. Wir haben ja nur einmal im Jahr die Möglichkeit, uns fortzubilden, weil wir nur einmal im Jahr die eigentliche Tätigkeit ausüben, und dann fängt es wieder von vorne an.

 Haben Sie ein Vorbild, das Sie in Ihrer unternehmerischen Laufbahn inspiriert hat?

Ja, diese Vorbilder hatte ich bereits seit meinem ersten Angestelltenverhältnis direkt nach der Uni. Ich hatte Vorgesetzte, die stets wie Selbstständige agierten. Sie haben so gedacht und gehandelt, als wäre das Unternehmen ihr eigenes, auch wenn sie für einen großen Konzern arbeiteten. Sie haben Initiative gezeigt, Lernprozesse gefördert, Mitarbeiter geschult. Das hat mich immer inspiriert und diese Denkweise und Leidenschaft eines Unternehmers spüre ich auch in mir und möchte sie später als Geschäftsführerin weitergeben. Von daher war die Zeit, in der ich nicht zuhause, sondern in anderen Unternehmen war, sehr wertvoll. 

Was sind Ihre Tipps für andere Unternehmensnachfolgerinnen?

Treten Sie in den Austausch mit anderen. Durch einen Zufall kam ich 2014 – als ich gerade mein BWL-Studium abgeschlossen hatte und noch nicht wusste, was ich jetzt mache – in eine wissenschaftliche Gruppe an der Zeppelin-Universität am Bodensee. Dort gibt es ein Projekt, das zehn Jahre lang Unternehmerkinder in der Nachfolge begleitet. Wir nehmen jährlich an einer wissenschaftlichen Studie teil und treffen uns im Rahmen verschiedener Workshops, tauschen uns aus und sprechen ganz offen über Fragen, die sich uns stellen. Wir haben uns mit ganz persönlichen Herausforderungen beschäftigt: Bei mir war beispielsweise ein großes Thema, was es bedeutet, wieder aufs Land zu ziehen, nachdem ich zehn Jahre in der Großstadt gewohnt habe. Für andere ging es um die Frage, ob sie auch ohne die entsprechende fachliche Ausbildung das Unternehmen übernehmen können – und vieles mehr. Über diese Gruppe kam ich wiederum zum Bund junger Unternehmer, wo ich auch regelmäßig Veranstaltungen besucht und Workshops gemacht habe. Dadurch wurde ich auf alle Themen, die mit der Unternehmensnachfolge einhergehen, aufmerksam. Der proaktive Austausch ist sehr wertvoll!

Vielen Dank für das Interview!

 Tipp: Über die Unternehmensnachfolge im Weinberg haben wir auch mit Jungwinzerin Carolin Weiler in der aktuellen Podcast-Folge des #SageNachfolgePlaners gesprochen. Hören Sie rein!