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Unternehmensnachfolge-Geschichten: Über die Sozialwissenschaften zum Unternehmer

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„Bei Familienunternehmen ist der Spagat zwischen Bewahren und Neugestaltung besonders wichtig.“

Thomas Gembler wird in Kürze 42 Jahre alt, Ostfriese, verheiratet und hat drei Kinder. Als Sohn eines Steuerberaters haben ihn Wirtschaft und Zahlen schon immer fasziniert. Die Aufnahme eines Studiums der Betriebswirtschaftslehre war entsprechend keine Überraschung. Später weitete er das Studium auf Wirtschafts- und Politikwissenschaften aus und schloss es mit Diplom erfolgreich ab. Danach folgten einige Jahre in Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und 2015 heuerte er als leitender Angestellter bei der Tell Bau GmbH an. Ein vor 75 Jahren gegründetes, mittelständisches, breit aufgestelltes Bauunternehmen mit 350 Mitarbeitern an sechs Standorten zwischen Norden und Berlin und bis vor kurzem mehrheitlich in Familienbesitz. Heute ist er mit Leidenschaft Unternehmensinhaber, alleiniger Geschäftsführer und ein angenehmer Interviewpartner.

Herr Gembler, Ihr akademischer Werdegang wies zunächst nicht in Richtung eines eigenen Bauunternehmens. Wie haben die Sozialwissenschaften Ihren Weg beeinflusst?

In der Tat habe ich zu Beginn Betriebswirtschaftslehre studiert und auch mit Vordiplom abgeschlossen. Aber schon währenddessen hatte ich das Gefühl, den Horizont darüber hinaus etwas erweitern zu müssen. Das Studium der Betriebswirtschaftslehre hat in meinen Augen mit Management nicht viel zu tun. Also habe ich noch Wirtschafts- und Politikwissenschaften unter dem Sammelbegriff Sozialwissenschaften hinzugenommen. Dieser Begriff ist bei vielen leider immer noch klischeebehaftet, obwohl man darin sehr viele innovative Ansätze für das Management finden kann. Daraus ergab und festigte sich mein Wunsch, eines Tages einmal ein Unternehmen leiten zu wollen. 

Mit welchen Vorstellungen und Zielen kamen Sie vor sechs Jahren zur Tell Bau GmbH?

Der damalige Geschäftsführer und Miteigner, Herr Tebben, suchte jemanden mit Beratungskompetenz, der ihn in der Geschäftsführung unterstützt und wir haben sehr schnell einen guten Draht zueinander gefunden. Die Situation stellte sich für mich nahezu ideal dar. Ich war 36 Jahre alt, suchte beruflich nach einer neuen und herausfordernden Aufgabe mit Perspektive und freute mich auch, nach Ostfriesland, an den Hauptstandort in Norden zurückzukommen. 

Meine wichtigste Aufgabe bestand in der Finanzplanung für eine umfassende Expansion der Firma. Die war allerdings schon im vollen Gange, so dass sich ein zusätzlicher Beratungsbedarf ergab. In dieser Situation bot sich direkt die Chance, den Weg des Unternehmens maßgeblich mitzugestalten. Einmal Geschäftsführer zu werden war ein langfristiges Ziel, das ich auch geäußert habe. Anteile zu besitzen, spielte aber damals für mich noch keine besondere Rolle. 

Wann hat sich denn für Sie die Möglichkeit eröffnet, die Unternehmensnachfolge anzutreten? 

Überhaupt Anteile an der Tell Bau zu übernehmen, kam erstmals Anfang 2020 ins Gespräch. Der Geschäftsführer und Miteigner orientierte sich in Richtung Ruhestand. Da habe ich gefragt, ob ich seine Unternehmensanteile erwerben könnte. Nun ergab es sich im Zuge dessen, dass auch seitens der Inhaberfamilie Anteile veräußert werden sollten. Bis zu dem Zeitpunkt war ich zwar der einzige Interessent. Aber damit war meine Budgetgrenze deutlich übersprungen.

Also wurde offiziell ein M&A-Prozess (Merger & Aquisitions) in Gang gesetzt, um einen Marktpreis zu eruieren und die Firmennachfolge anders zu regeln. Es kam es zu einigen Angeboten. Die lagen aber preislich näher an meinen vorherigen Vorstellungen und so bin ich doch wieder als Bieter eingestiegen. Es war also kein gerader Weg. Aber jetzt stand ich umso mehr selbstbewusst und auch mit Herzblut hinter meinem Angebot. Ich fühlte mich angekommen und auch von der Belegschaft gut angenommen. Das ist schon ein starkes Gefühl. Es trägt mich immer noch. Und so bekam ich den Zuschlag. 

Was für eine Bedeutung hat dieses Vertrauen für Sie persönlich als Nachfolger?

Das ist eigentlich das Kernkriterium. Wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmensleitung und Belegschaft nicht stimmt, kann man alles andere vergessen. So gesehen hatte ich einen Warmstart. Dass es aktuell so gut läuft – das darf ich auch mit einem gewissen Stolz sagen – ist ein Ergebnis der ersten fünf Jahre. Deswegen ist die Übernahme als solche auch nicht mit großen Veränderungen verbunden. 

Was ist denn das Wenige, das Sie verändert haben?

Sagen wir so. Einige Prozesse wie etwa unter dem Stichwort Digitalisierung haben wir lange vorher schon gemeinsam in Gang gesetzt. Was sich jetzt verändert, ist eher eine Frage der persönlichen Handschrift. Ich habe jetzt mehr Verantwortung, kann aber auch mehr in meinem Sinne gestalten. 

Ist Ihr Vorgänger in der Geschäftsführung mit Ihrer Unternehmensübernahme aus der Firma ausgeschieden? 

Nein, zumindest bis Ende des Jahres 2021. Das ist zum Teil auch dem nicht geringen Aufwand im Übergangsjahr geschuldet mit Notar, Unterlagen und den daran gebundenen Verwaltungsprozessen. Für die Zeit danach haben wir vereinbart, dass er sein Büro behält und mir beratend zur Seite steht. Er sagt zwar immer öfter „komm, das entscheidest Du jetzt allein“, aber er ist da und ich schätze seine Erfahrungen und seine Kenntnisse. 

Jetzt kam zum Übergangsjahr auch noch die Corona-Pandemie hinzu. Inwieweit gab es da Wechselwirkungen?

Natürlich war und ist die Situation der Pandemie und der Einschränkungen belastend. Wir haben Homeoffice eingerichtet, mussten auch krankheitsbedingte Ausfälle kompensieren. Auf der anderen Seite glaube ich aber auch, dass uns die Krise noch ein bisschen enger als Belegschaft zusammengebracht hat. 

Eine digitale Infrastruktur, die beispielsweise auch die Nutzung von Konferenz-Tools beinhaltet, hatten wir bereits 2019 eingerichtet. Insofern waren wir dahingehend glücklicherweise gut vorbereitet. Die Pandemie hat bei uns allen sogar einen richtigen Schub in Sachen Nutzung und Akzeptanz der digitalen Kommunikation erzeugt.  

Was liegt Ihnen an Ihrer Rolle als Inhaber und Geschäftsführer? Was erfüllt Sie in dieser Rolle besonders?

Ist nicht ganz einfach, in der gebotenen Kürze eine Antwort zu geben, die über das Maß von „ich mag es, mit Menschen zu arbeiten“ hinausgeht. Einerseits halte ich mich für eine eher introvertierte Person. Andererseits mag ich es, Dinge in einen Fluss zu bringen. Das liegt mir. Klingt vielleicht etwas hochgestochen, aber ich mag es, Menschen zu motivieren, zu mehr Eigeninitiative anzuleiten, Teams zu entwickeln und eine Umgangskultur zu pflegen, die von gegenseitigem Respekt auf allen Ebenen geprägt ist. Genauso liebe ich es, zu wirtschaften – gerade auch für Unternehmen unserer Größenordnung. 

Auch wenn Sie noch ganz neu in Ihrer Position sind, haben sie viel Erfahrung in Bezug auf Geschäftsführung. Was würden Sie potenziellen Nachfolgern an die Hand geben?

Man sollte eine lebensbejahende Einstellung sowie eine grundsätzliche Menschenfreundlichkeit haben. Ebenso wichtig scheint mir, immer einen klaren Kopf zu bewahren. Das heißt, auch ständig an sich selbst zu arbeiten, fit zu sein, sich zu hinterfragen. Wenn man ein Familienunternehmen übernimmt, mit einem Image, mit daran gebundenen Werten, ist es ganz besonders wichtig, den Spagat zwischen Bewahren und Gestalten hinbekommen. 

Für sich persönlich muss man einen stabilen Weg finden, neben der Arbeit und der Verantwortung auch ein privates Leben zu führen. Heute weiß man viel mehr um die Bedeutung einer Work-Life-Balance. Sie ist essenziell. Mir scheint, zu viele haben unter anderem noch Vorstellungen von 80-Stunden-Wochen. Das und das Maß an Verantwortung für andere Menschen schreckt sie ab, den Weg als Unternehmer zu gehen. Als Ostfriese vergleiche ich meinen Job gerne mit dem des Kapitäns auf einem Schiff. Man ist der erste Mann auf der Brücke und wenn es eng wird, ist man auch der letzte Mann auf der Brücke. Aber man hat das Steuer in der Hand, kann einen Kurs setzen und etwas bewegen.

Management ist nicht nur eine Frage der Neigung, sondern auch erlernbar. Es braucht Mut aber ist möglich.

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