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Unternehmensnachfolge geplant – was tun in Krisenzeiten?

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Als Unternehmensnachfolgerin oder Unternehmensnachfolger ist es Ihre Aufgabe, das Unternehmen an den Wandel der Zeit anzupassen und sicher in die Zukunft zu führen. Schon unter „normalen“ Umständen eine Herausforderung, doch was tun, wenn unvorhergesehene Umstände eintreten, die den Nachfolgeprozess erschweren?

Mittlerweile gibt es wohl keinen Bereich, der nicht von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen ist. Die großen Unsicherheiten am Markt zeigen sich dementsprechend auch beim Kauf oder Verkauf von Unternehmen im Mittelstand. Auf beiden Seiten des Unternehmensverkaufs gilt es, sich auf veränderte Rahmenbedingungen einzulassen.

Als Geschäftsführer der Unternehmensvermittlung Oakstreet GmbH | concess M+A – Partner in München begleitet Alexander Reichel mittelständische Unternehmen bei deren Nachfolgelösung und dem Verkauf des Unternehmens. Wir haben ihn gefragt, worauf NachfolgerInnen aktuell achten sollten, was die Herausforderungen für

die Beteiligten sind, die sich mitten im Kaufprozess befinden, und warum es sich trotzdem lohnt, mit der Übernahme eines Unternehmens den Weg in die Selbständigkeit zu gehen.

Herr Reichel, wie bewerten Sie das Thema Unternehmensnachfolge in der aktuellen Krisenzeit?

Die Inhaber von guten und stabilen Unternehmen sind seit einigen Monaten vorsichtiger mit ihren Verkaufsplänen. Zum Teil raten wir unseren Mandanten auf Verkäuferseite auch nachdrücklich, jetzt nicht zu verkaufen, sondern das Unternehmen weiterzuentwickeln und noch wertvoller aufzustellen. Gleichzeitig laufen bereits begonnene Verkaufsprozesse schon wieder sehr konstruktiv weiter oder konnten auch im Lockdown erfolgreich abgeschlossen werden. Dennoch werden einige Unternehmen nach der Krise nicht weitergeführt werden können. Das wird persönlich schmerzhaft für die betroffenen MitarbeiterInnen und UnternehmerInnen sein und viele Leistungsketten sehr beanspruchen. Aber mit Blick nach vorne: Allein in dieser Woche beginnen wir in München und zusammen mit den Partnern in anderen Regionen mit sechs neuen Verkaufsprozessen. Das ist für einen Juli ein guter Wert.

Was sind die Herausforderungen beim Unternehmens(ver-)kauf?

Einen Punkt möchte ich hier besonders hervorheben: Gegenüber jeder Käufergruppe braucht es gerade in Krisenzeiten deutliche Signale von Verkäuferseite, dass der Verkaufsprozess professionell vorbereitet und strukturiert durchgeführt wird. Der Anschein eines Notverkaufs oder einer Zwangslage führt immer zu einem Ungleichgewicht. Es muss daher klar erkennbar sein, dass der/die VerkäuferIn für Wettbewerb auf Käuferseite sorgt und sich so eine erkennbar starke Position im Verkaufsprozess sichert. Langfristig ist nur ein fairer Deal positiv für beide Seiten. Und den gibt es nur bei Verhandlungen auf Augenhöhe.

Für den/die UnternehmensnachfolgerIn liegt eine der großen Herausforderungen gerade in der Finanzierung. Banken sind weiterhin sehr vorsichtig oder geben Darlehensangebote ab, die man schon als Abwehrversuch lesen muss. Hier können NachfolgerInnen nicht früh genug beginnen, Finanzierungsmöglichkeiten zu prüfen. In der Verhandlung über ein konkretes Unternehmen wäre die Sicherung der Finanzierung deutlich zu spät. Für viele VerkäuferInnen ist ein transparentes und abgesichertes Konzept auch die Eintrittskarte, um überhaupt Gespräche mit Interessenten aufzunehmen. Sprechen Sie mit Ihrer Hausbank, mit Ihrem geschäftlichen Umfeld, informieren Sie sich über Förderprogramme oder denken Sie auch mal quer. So lässt sich auch mal eine Partnerschaft mit Investoren abschließen oder eine Nachfolge als Team antreten.

Haben Sie konkrete Tipps für NachfolgerInnen, die sich schon mitten im Kaufprozess eines mittelständischen Unternehmens befinden?

1. Niemals über einen Kauf allein entscheiden, sondern in enger Abstimmung mit vertrauensvollen Menschen. Das müssen nicht bezahlte Berater sein. Oft reicht schon ein wacher und kritischer Geist, der Details oder die Gesamtentscheidung einfach kritisch hinterfragt. Der/die NachfolgerIn wird oft emotional von dem Unternehmen gefangen und will irgendwann den Deal. Hier kann externer, vielleicht kühlerer Rat sehr wertvoll sein.

2. Waffengleichheit: Das Team des Unternehmensnachfolgers oder der Nachfolgerin (Steuern, Recht, usw.) muss auf Augenhöhe mit dem Verkäufer-Team sein. Auch wenn das vielleicht Geld kostet.

3. Eine klare Alternative im Blick und bewusst entscheiden: Entweder ein weiteres Unternehmen, das ebenfalls zur eigenen Suche passt. Oder eine Aufgabe im Angestelltenverhältnis, mit der entsprechenden finanziellen Sicherheit. Nachfolge sollte einem nicht passieren, sondern das bewusste Ergebnis einer Entscheidung sein.

4. Die eigene Familie muss diesen Schritt wollen. Unternehmertum ist wunderschön. Aber es ist kein Beruf. Es ist eine bewusste Art sein Leben zu führen und sein Umfeld zu gestalten. Das müssen alle mittragen.

Jede Krise bietet Raum für Neues: Haben Sie Argumente dafür, gerade jetzt ein Unternehmen zu übernehmen?

Nie lernt man Menschen und auch Unternehmen besser kennen als in einer Krisensituation. Für NachfolgerInnen entsteht damit eine neuer Einblick in ein Unternehmen. In dessen Stärken und in dessen Schwachpunkte. Gerade in schwierigen Phasen trägt daher unsere Beratungsansatz: Der/die UnternehmensnachfolgerIn muss einen Mehrwert für das Unternehmen darstellen. Einfach nur 20 Jahre jünger zu sein, als der Vorgänger bringt nichts. Die NachfolgerInnen können zum Beispiel Zugang zu einer neuen Technologie mitbringen, besondere Fähigkeiten im Vertrieb, ein geschäftliches Netzwerk, neuen Mut. Aber sie müssen Mehrwert liefern.

Welche Eigenschaften und Fähigkeiten sollten UnternehmensnachfolgerInnen aus Ihrer Sicht noch mitbringen?

Viele fachliche Fähigkeiten lassen sich lernen oder bringen die nachfolgenden GeschäftsführerInnen durch eine gute Ausbildung und erste Erfahrungen als Angestellte schon mit. Entscheidend scheinen mir aber zwei weniger klassische Anforderungen: Zuallererst ein erfülltes Leben außerhalb des beruflichen Bereiches. Freunde, Partnerschaft, Familie, Hobbies. Zum anderen braucht es dieses innere Feuer, das Brennen für ein Thema. Die Lust, etwas zu gestalten und mit anderen zusammen die Welt an mindestens einem Punkt voranzubringen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Unternehmensnachfolge in Deutschland?

1. Wir dürfen das Potential weiblicher Nachfolge nicht weiter vernachlässigen. Die meisten mittelständischen Unternehmer, deren Unternehmensverkauf wir begleiten, sind sehr offen für weibliche Nachfolger. Was uns fehlt, sind die Nachfolgerinnen. Wir haben mit Senior-Unternehmerinnen als Verkäuferinnen ihres Betriebes hervorragende Erfahrungen gemacht. Diese Referenzen legen wir gerne jedem Verkäufer mit ans Herz.

2. Professionelle Begleitung kleinerer Unternehmen. Hier stoßen die üblichen Honorarmodelle zu schnell an Grenzen. Entweder rechnet es sich für die BeraterInnen nicht oder die Gesamtkosten (mit Steuerberater, Rechtsanwalt, Vermittler) sind für den/die VerkäuferIn unattraktiv. Wir achten als Team sehr darauf, einen guten Mix aus rentablen Projekten und auch kleineren Vermittlungen oder pro Bono Beratungen anzubieten. Eine Lösung für die Vielzahl an Nachfolgen in den nächsten Jahrzehnten ist das leider nicht.

3. Mehr positive Verkörperung des Unternehmertums: Phänomene wie Tönnies oder Schlecker scheinen oft das Bild von Unternehmern zu prägen. Gleichzeitig dürfen wir in unserer Arbeit als Unternehmensvermittler so oft wundervolle Menschen kennen lernen, die mit Ihren Unternehmen einfach gute und faire Arbeit abliefern wollen. Die sich ohne Wenn und Aber für die Belange ihrer MitarbeiterInnen einsetzen und ehrliche Werte leben. Ich würde mir wünschen, dass diese Seite des Unternehmertums viel breiteren Raum in der öffentlichen Wahrnehmung einnimmt und auch die nächste Generation prägt.

Vielen Dank für das Interview!

 

Tipp: Im Interview mit Steffen Bolz, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für Unternehmensnachfolge e.V. (DIFU), erfahren Sie weitere Tipps und Tricks zum Thema Unternehmensnachfolge in Krisenzeiten.