Unternehmensnachfolge

Unternehmensnachfolge-Geschichten: Die jungen Schachteln führen im Doppelpack

Nachfolge_Grondey

Egal, welchen Wandel man als Nachfolger anstoßen will: Es muss aus dem Herzen kommen.

Unternehmensnachfolge zu zweit: Die Schwestern Maren und Laura Grondey machen es einfach. Die selbst ernannten jungen Schachteln haben 2011 die 1906 vom Urgroßvater gegründete Verpackungsfirma Siemer Verpackung von ihrer Mutter übernommen. Mit ihrer Führung im Tandem und dem verstärkten Fokus auf Nachhaltigkeit bringen sie in vielerlei Hinsicht frischen Wind in das über 100 Jahre alte Unternehmen. Im Gespräch mit Maren Grondey wird klar, welche Rolle die Mitarbeitermotivation und das Mindset des Unternehmensnachfolgers bei Change Prozessen spielen.

Frau Grondey, Sie führen die Firma Ihrer Mutter in vierter Generation gemeinsam mit Ihrer Schwester. War die Übergabe in dieser Konstellation schon immer geplant?

© Kevin Münkel

Nein, das war nicht immer klar. Nach dem Abitur wusste ich zunächst nicht, was ich machen sollte, aber meine Eltern finanzierten mir nur eine Ausbildung – unter der Voraussetzung, dass ich diese direkt starte und nicht „rumlungere“. Also habe ich mich in Wuppertal für Kommunikationstechnologie und Druck eingeschrieben und indessen ein Praktikum bei einer Druckerei absolviert, also in der gleichen Branche wie unser Familienunternehmen. Mir war allerdings immer klar, dass ich nach dem Studium eine Auszeit brauche. Ich habe alle Zelte abgerissen und bin für ein Jahr nach Indien gegangen. Zum Zeitpunkt meiner Rückkehr war ich mir nicht sicher, ob ich die Firma meiner Mutter übernehmen möchte. Ich wollte mir die Arbeit erst einmal ansehen und stieg ein. Meine Schwester Laura hat eine Ausbildung gemacht und dann auch in einer anderen Druckerei gearbeitet. Als dann der Betriebsleiter bei uns kündigte, kam auch sie in die Firma und übernahm die technische Leitung. Für Laura war der Weg zur Übernahme klarer als für mich. Ich war mir damals immer noch unsicher, ob ich das wirklich will.

Haben Sie in dieser Zeit externe Beratung in Anspruch genommen?

Nach vier Jahren in der Firma machte ich ein Coaching, bei dem ich einfach noch einmal herausfinden wollte, ob ich die Firma wirklich möchte. Zwei Stunden bei dieser Spitzenfrau haben gereicht! Ich bin mit einer ganz anderen Energie raus gegangen, weil auf einmal glasklar war, was mir wichtig ist: Nachhaltigkeit, die Umwelt, die Erde. Und an welcher Position habe ich auf diese Themen Einfluss? Als Unternehmensnachfolgerin habe ich die Möglichkeit, etwas auf der Erde zu verändern, Leute aufzuklären, Maßnahmen zu ergreifen. Also wusste ich: Ich übernehme die Firma mit voller Überzeugung, mache es anders und lege den Fokus klar auf die Nachhaltigkeit und das Gemeinwohl.

Wie haben Sie diese Mission dann in die Tat umgesetzt?

Heute sind wir ein klimaneutrales Unternehmen und 50 Prozent unserer Kunden kommen aus der Bio-Branche. Wir haben das Thema also zunächst noch gemeinsam mit unserer Mutter und dann zu zweit als Geschäftsführerinnen proaktiv umgesetzt: von der Produktion über die Büromaterialien bis hin zu Klimaschutzzertifikaten. Was wir an Ressourcen nicht vermeiden oder reduzieren können, gleichen wir aus. Als nächsten Schritt werden wir unser Firmengelände naturnah gestalten. Wir haben aufgehört, Rasen zu mähen, pflanzen Bäume und Büsche, die möglichst viele Insekten anlocken, und installieren eine insektenfreundliche Beleuchtung.

Also ein umfassender und anhaltender Change Prozess im Unternehmen. Der war sicher mit besonderen Herausforderungen verbunden?

Die Herausforderungen standen für uns nicht im Vordergrund: Wir haben keine Kompromisse gemacht. Ich habe nicht genau geguckt, wie viel mehr uns der Strom bei Greenpeace Energy kostet – es gab für mich einfach keine Alternative. Aber natürlich war es nicht immer einfach, diese Energie ins Unternehmen zu tragen. Hier tickt nicht jeder so wie ich. Es ist mitunter schwierig, die Leute wirklich mitzunehmen.

Und die Mitarbeiter stehen bei uns absolut im Fokus. In unserer Firmenphilosophie stehen sie an erster Stelle. Denn wenn sie sich wohlfühlen, fühlen sich auch die Kunden wohl. Also wollen wir sie motivieren und beim Thema Nachhaltigkeit ermutigen: Sie können bei uns zum Beispiel Fahrräder leasen, mit denen sie zur Arbeit kommen. Wenn jemand mit einem langen Anfahrtsweg das in Anspruch nimmt, freue ich mich richtig und kommuniziere das auch. Und vor einiger Zeit sind wir als gesamtes Team auch mal bei einer „Fridays for Future“-Aktion mitgelaufen, bei der Unternehmen eingeladen waren. Ich habe es natürlich niemandem vorgeschrieben, mitzukommen, aber letztendlich waren wir fast vollständig – das war eine tolle Gelegenheit, für das Thema zu sensibilisieren, ohne zu belehren. Als Unternehmensnachfolgerin habe ich immer die Möglichkeit, das Bewusstsein meiner Mitarbeiter für neue Themen zu schärfen und den Mindset-Wechsel sensibel vorzubereiten.

Was macht Sie und Ihre Schwester als Führungsduo aus?

Wir sind zwei junge Frauen und damit schon etwas Besonderes in dieser eher männerdominierten Branche. Ich glaube, dass uns gerade zu Beginn nicht alle ernst genommen haben. Aber ich werde lieber unterschätzt als überschätzt. Wir wollten niemandem etwas beweisen und uns war wichtig, eine neue Energie zu erzeugen: Wir nennen uns die „jungen Schachteln“. Damit soll sich das ganze Team identifizieren.

Welche Vorteile ergeben sich aus der geteilten Geschäftsführung?

Wir können uns die Bereiche aufteilen: Laura ist näher an der Technik, ich bin eher im Marketing-Bereich geblieben und den Vertrieb machen wir beide. Außerdem sind wir beide Mütter: Wir hatten jeweils ein Jahr Elternzeit und arbeiten beide nur noch 30 Stunden. Das hat uns die Nachfolge zu zweit ermöglicht – die Familie und Auszeiten kommen dadurch nicht zu kurz. Wir haben die andere nie allein gelassen, konnten uns aber auch mal etwas gönnen. Die Work-Life-Balance ist mir sehr wichtig: Nur wenn ich ausgeglichen bin, kann ich das Unternehmen auch gut führen.

Wie ist das Verhältnis zu Ihren Mitarbeitern?

© Siemer Verpackung

Wir sind quasi in der Firma groß geworden. Einige Mitarbeiter von damals sind zwar schon in Rente, aber ansonsten haben wir wenig Fluktuation, die meisten kennen uns also schon seit Jahrzehnten. Dass wir dann auf einmal deren Chefinnen waren, war vielleicht für den ein oder anderen erstmal komisch, aber meine Schwester und ich haben diese Position nie raushängen lassen. Wir pflegen die respektvolle Kommunikation auf Augenhöhe, haben flexible Arbeitszeiten eingeführt und unsere Türen sind immer offen. Und wir haben ja auch nicht den ganzen Laden umgekrempelt. Aber wir haben vieles verschlankt, Prozesse optimiert, und diese Veränderungen dienten dem Wohl und der Entlastung der Mitarbeiter.

Was würden Sie anderen Unternehmensnachfolgerinnen und -nachfolgern mit auf den Weg geben, wenn sie wie Sie beide einen Wandel in ihrer Firma anstoßen wollen?

Egal welchen Wandel man als Nachfolger anstoßen will: Es muss aus dem Herzen kommen. Sonst ist es nicht echt. Es sollte nicht einfach darum gehen, mehr Profit zu machen. Ich empfehle, sich wirklich mit dem eigenen WARUM auseinanderzusetzen, denn bei jedem Change Prozess muss man mit seiner persönlichen Art dahinterstehen. Bestimmte Dinge wie Verkauf, Nachhaltigkeit, Geschäftsführung, das kann man alles nur bedingt lernen. Man ist einfach der Typ dafür.

Aus Ihrer persönlichen Perspektive: Welche Herausforderungen und Chancen gibt es bei einer Unternehmensnachfolge?

Ich halte es bei der Nachfolge für essenziell, die eigene Persönlichkeit und die Motivation für die Übernahme zu kennen. Nur wer sich selbst kennt, Kritik annehmen und sich reflektieren kann, kann ein Unternehmen erfolgreich in die Zukunft führen.

Ganz wichtig finde ich auch, dass derjenige nicht zur Nachfolge gedrängt wird, da hat meine Mutter uns nie unter Druck gesetzt. Nachfolger sollten erstmal eine Zeit lang im Unternehmen arbeiten und alles in Ruhe kennenlernen, bevor sie die Geschäftsführung übernehmen. Um dann mit diesem Wissen auch Veränderungen zum Wohle der Firma und des Teams anzustoßen.

Und: Meine Schwester und ich haben das alles zwar fast komplett ohne externe Beratung gemeistert – ich wusste damals auch gar nicht, wie viele Möglichkeiten man hat, sich im Nachfolgeprozess Unterstützung zu holen –, aber wenn ich mich irgendwann in meinem Leben dazu entscheide, in Richtung Coaching zu gehen, würde ich mich auf das Thema Nachfolge spezialisieren. Hätte ich dieses Coaching damals nicht gehabt, wäre ich wahrscheinlich heute nicht hier – denn erst dadurch wurde mir klar, was ich wirklich will. Jetzt stehe ich hundertprozentig hinter der Firma und habe Spaß an der Arbeit. Ich kann das nur jedem ans Herz legen.

 Vielen Dank für das Interview!

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